Durch die Hochtäler der Anden in Peru

Vorweg eine Bemerkung: die Fotos sind mehr als 50 Jahre alt. Ich hatte mir 1963 vor der Rundreise durch Süd- und Mittelamerika in Buenos Aires eine gebrauchte Agfa Silette ohne Belichtungsmesser gekauft, um die Dias später meiner Familie und meinen Freunden in Deutschland zu zeigen. Deshalb bitte ich die schlechte Qualität, vor allem die der Farben,  zu entschuldigen. Vielleicht bekommt man trotzdem einen kleinen Eindruck von meinen damaligen Reisen. Vor einigen Jahren habe ich die meisten Dias meines Süd- und Mittelamerika-Aufenthaltes entsorgt, lange bevor ich von der Möglichkeit des Reise-Bloggens wusste, die mir die Möglichkeit gibt, Freunden und Bekannten einen Eindruck von anderen Ländern zu vermitteln. Aber glücklicherweise konnte ich mich von einigen Dias nicht trennen, die ich deshalb für diesen und die nachfolgenden Berichte verwende.

Von Guayaquil/Ecuador kommend war mein nächstes Ziel Peru. Um in Lima landen zu können, musste das Flugzeug zuerst eine dichte Wolkendecke durchdringen, die fast während des ganzen Winters über der Küste lag und keinen Sonnenstrahl durchließ.

Es war Garua-Zeit, Zeit des Küstennebels, und es war – jedenfalls vor über 50 Jahren – sehr selten, dass man im Winter ein Stückchen blauen Himmel sah. Wenn man nur 30 km landeinwärts fuhr, hörte die Dunstschicht auf. Daher nahmen viele Leute, die damals in Lima beschäftigt waren, gerne den weiteren Fahrweg auf sich und bauten oder mieteten sich ein Haus in den Bergen.

Am Flughafen wurde ich glücklicherweise von Vertretern der peruanischen Studentenorganisation in Lima abgeholt, obwohl ich den Praktikumsplatz, den sie mir vermittelt hatten und um den ich mich ein Jahr zuvor bemüht hatte, abgesagt hatte (nach den vielen Monaten in Buenos Aires und den Wochen auf Reisen in Mittel- und Südamerika wären mir drei weitere Monate zu lang gewesen). Die jungen Leute hatten mir auch ein preiswertes Zimmer bei einer peruanischen Familie besorgt, worüber ich wegen meiner damals geringen Geldmittel sehr froh war.

Ich blieb eine Woche in Lima und durchstreifte die Stadt mit den wunderschönen alten Kolonialhäusern im Zentrum, vor allem auf der Plaza de Armas: die schöne Kathedrale, der Palast des Erzbischofs und der Sitz des Regierungspräsidenten. Auch der Bronzebrunnen aus dem Jahr 1650 auf dem Platz war sehenswert.

Plaza de Armas mit Arkaden

 Die Kathedrale

                                                                          Plaza San Martín

Der Pizarro-Palast war Regierungsgebäude und gleichzeitig Präsidentenpalais, ein Prachtbau im modernisierten Kolonialstil, der zwar 1938/39 völlig umgebaut worden war, aber dadurch seine architektonische Eigenart nicht verloren hatte. Zur Linken der Kathedrale, in der die Mumie Francisco Pizarros in einem Glassarg aufgebahrt war, befand sich der Palast des Erzbischofs mit kunstvollen Holzschnitzereien an den Erkern. Als ich mit meinem Mann vor einigen Jahren wieder Lima besuchte, waren sie glücklicherweise immer noch unverändert zu bewundern.

Der Palast des Erzbischofs mit kunstvoll geschnitzten Erkern

Lima machte überhaupt nicht den Eindruck einer Großstadt, auch das Zentrum war verhältnismäßig klein. Es bestand vor allem aus zwei Hauptplätzen, der Plaza de Armas und der Plaza San Martín. Eine Einkaufsstraße verband  beide Plätze. In dieser Straße gab es viele Geschäfte, die Silberwaren verkauften und die hauptsächlich von nordamerikanischen Touristen besucht wurden. Lamas als Broschen, auf Mokka-Löffeln, überhaupt in jeder Form waren die Hauptattraktion. Mich interessierten mehr die Museen, in denen man Exponate der inkaischen, prä-inkaischen und peruanischen Vergangenheit zu sehen bekam. Vor allem das Nationalmuseum war sehr beeindruckend. Ich sah eine hervorragend konservierte Mumie in Hockstellung, in deren Schädel sich ein exakt quadratisches Loch befand, und es wurde mir gesagt, dass die Inkas damals bereits ausgezeichnete Kopf-Operationstechniken anwendeten. Diese Mumie hat mich enorm beeindruckt.

Ähnlich wie in Mexiko-City gab es auch in Lima sogenannte „Peso-Taxen“, die immer eine bestimmte Strecke abfuhren und in denen man relativ wenig bezahlte, weil unterwegs Leute zustiegen, die denselben Preis bezahlten, egal wie groß die Entfernung war. Dadurch wurde es für die Taxifahrer trotz des niedrigen Preises lohnend, denn die Peso-Taxen waren immer voll. Mit diesen Taxis oder mit Bussen fuhr ich auch in die großen Wohnviertel außerhalb des Zentrums. Die architektonisch interessanten Häuser, vor allem im damals vornehmen Vorort Miraflores, befanden sich meist in großen Gärten, die Eigentümer waren in der Regel wohlhabend und konnten sich viel Personal leisten. Die Straßen, die zu diesen Wohnvierteln führten, waren je zweispurig mit  breiten Mittelstreifen, die mit vielen Blumen bepflanzt waren.

Vor allem aber wollte ich Cuzco, die frühere Hauptstadt des Inkareichs, und das sagenumwobene Machu Picchu besuchen. Deshalb versuchte ich in Lima, einen Flug nach Cuzco zu bekommen. Aber da zu der Zeit gerade das alljährlich stattfindende Inti-Raymi-Fest stattfand, waren alle Flüge schon seit Wochen ausverkauft. Ich hatte aber das Glück, dass der Vater eines der Studenten der Studentenvertretung ein Omnibusunternehmen besaß und mir eine Busfahrkarte für die Fahrt nach Cuzco schenkte. Es gab keine direkte Straßenverbindung durch bzw. über die Anden von Lima bis nach Cuzco, dadurch mußte ich mit dem Bus die peruanische Küste entlang Richtung Süden bis Arequipa und von dort aus zum Titicaca-See und anschließend durch die Hochtäler der Anden wieder nach Norden bis Cuzco fahren. Die Fahrt sollte zwei Tage und zwei Nächte dauern, es wurden dann drei Tage und drei Nächte.

Wir fuhren den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch fast immer entlang der Pazifik-Küste. Die Küste war wenig spektakulär: völlig baum- und strauchlos, dazu ein wolkenverhangener Himmel. Es wirkte irgendwie deprimierend.

Es waren etwas über 1000 km zu fahren, aber zumindest war die Straße einigermaßen in Ordnung, auch wenn es noch nicht die „Traumstraße“ Panamericana war. In Arequipa kamen wir bei schönstem Wetter an, das die ganze Fahrt über andauerte. Arequipa, hübsch gelegen und von drei Vulkanen umgeben (der kegelförmige Vulkan El Misti mit 5821 m, der zerklüftete Chachani mit 6075 m und der Vulkan Pichu Pichu mit 5571 m), war damals noch eine koloniale Kleinstadt, die in einer majestätischen Berglandschaft lag. Die Stadt war aus weißgetünchtem Vulkangestein gebaut und hatte dadurch ein besonderes Aussehen.

Arequipa

Die wuchtige Kathedrale von Arequipa

Anschließend ging es  gut 300 km weiter gut bis Puno am Titicaca-See, dem vermutlich höchstgelegenen See der Welt in 3800 m Höhe. Ich sah eine große blaue Wasserfläche, kahle Berge und die schilf-gebundenen Boote der Fischer, aber leider blieb nicht genügend Zeit, um alles zu besichtigen, denn der Bus musste weiterfahren.

Die Fahrt vom Titicaca-See bis Cuzco gehört mit zu meinen schönsten Reise-Erinnerungen, obwohl die „Straße“ nicht asphaltiert und ausgesprochen schlecht war. Jedes vorbei kommende Auto wirbelte Staub auf, der durch die Fenster- und Türritzen drang. Der Bus war voll besetzt, ausnahmslos Indigenas mit Kindern und Hühnern. Ich war die einzige Touristin und erregte natürlich Aufsehen, zumal als junge, alleinreisende Frau. Damals unternahm normalerweise kein Weißer derart weite Fahrten mit einem primitiven Bus. Man fragte mich, woher ich käme, und ich sagte es ihnen. Allerdings konnte sich niemand etwas unter Europa und schon gar nicht unter Deutschland vorstellen.

Die Indigenas galten im allgemeinen als sehr gutmütig und als gute Familienväter. Sie sorgten in rührender Weise für ihre Kinder, setzten sie auf den Topf, den sie vorsorglich mitgebracht hatten, da der Bus nur selten hielt.  Sie hielten sie auch im Arm, wenn die Mutter schlafen wollte. Nach ungefähr zwei Stunden Fahrt vom Titicaca-See aus  hatte der Bus die erste Reifenpanne, und es dauerte Stunden, bis sie behoben war.

Erste Reifenpanne unterwegs

Ich beneidete ein wenig die einheimischen Frauen, die sich mit ihren langen, weiten Röcken einfach hinhockten, wenn sie austreten mussten. Ich dagegen hatte eine lange Hose an, und es war schwierig, einen unbeobachteten Platz hinter dem Bus zu finden.

Ich ernährte mich die ganze Fahrt über nur von Obst, denn man hielt zum Essen an Buden von Einheimischen, und als ich sah, welche Zutaten für das Essen gebraucht wurden und wie man es zubereitete, nahm ich lieber Abstand von dem Essen, um meine Reise nicht wegen eines verdorbenen Magens zu gefährden. Meine Mitreisenden verstanden das nicht und luden mich immer wieder ein, die Mahlzeiten mit ihnen zu teilen. Erst als ich sagte, dass ich mir den Magen verdorben hätte, hörten die Angebote auf. Sie gaben mir aber freundlicherweise alle möglichen Mittel, die ich nehmen sollte.

Die Straße, beziehungsweise die Schotterpiste, führte zwischen 3000 und 4000 m Höhe durch die Hochtäler der Anden. Hier gab es sogar Vegetation, wenn auch nur spärlich. Als ich die erste „wilde“ Lama-Herde sah, bat ich den Busfahrer, kurz zu halten, damit ich ein Foto machen konnte, was er auch tat. Ich hatte vorher noch nie ein Lama in natura gesehen.

Lamas beäugen mich neugierig

Alle Mitreisenden hatten Spaß daran, dass ich mich für einfache Lamas interessierte, denn die gab es ja überall in den Anden. Jedes Mal, wenn wir an einer Lama-Herde vorbei kamen, hielt der Busfahrer, damit ich ein Foto machen konnte; nach einigen Stopps sagte ich dann aber, dass ich jetzt genug Fotos hätte.

Wir fuhren Hunderte von Kilometern, ohne auch nur einen Menschen oder ein Haus zu sehen. Nur selten kamen wir an einem Dorf vorbei, dann konnte ich die Indigenas beim „Getreide-Dreschen“ beobachten. Sie schlugen solange auf das Getreide ein, bis sich die Körner von der Spreu lösten, dann warf man beides mit Sieben in die Luft, damit die leichtere Spreu durch den ständigen Höhenwind abgetrieben wurde.

Die Landschaft des Altiplano, der Hochtäler der Anden, die zu den wildesten Perus gehört, war überwältigend: endlose Weite, Wüsten in großer Höhe, umgeben von teils schneebedeckten aktiven Vulkanen, dazu die gute Luft und gerade im Gegensatz zu der Westküste klare Sicht.

Der Bus fuhr auch die Nacht über, und da ich nicht berücksichtigt hatte, dass die Nächte in den Hochtälern der Anden sehr kalt werden konnten und nichts zum Schutz gegen die Kälte mitgenommen hatte, lieh mir der Busfahrer eine sehr kratzende, aber wenigstens wärmende Wolldecke, die ich dankbar annahm.

Die „Straße“ war unbefestigt und steinig, und so dauerte es nicht lange, bis der Bus die nächste Reifenpanne hatte. Es folgten noch drei weitere, deshalb verzögerte sich auch die Fahrt um einen ganzen Tag und eine Nacht.

Bei jeder Panne sprach der Busfahrer sich zum Trost dem billigen Agavenschnaps zu, den er sich mitgebracht hatte und  dessen teils „umwerfende“ Wirkung ich schon in anderen Ländern Lateinamerikas kennengelernt hatte. Der Fahrer wurde zunehmend wagemutiger und beschleunigte die Fahrt immer mehr, so dass der Bus zum Teil am Rand von steilen, unbefestigten Abhängen entlang raste und mir doch angst und bange wurde.  Ich war sicher, dass ich die Fahrt nicht überleben würde, und ich dachte an meine arme Mutter, die keine Ahnung davon hatte, wo ich mich gerade befand, denn ich hatte nur gesagt, welche Länder ich in welcher Zeit besuchen wollte. Was ich im jeweiligen Land unternahm, ergab sich spontan je nach den Möglichkeiten, die sich mir boten.

Aber schließlich erreichten wir frühmorgens doch noch Cuzco, das Herz des alten Inkareiches, und ich war sehr erleichtert, dass ich die Fahrt lebend überstanden hatte. Einige Stunden vor der Ankunft bekam ich heftige Kopf- und Herzschmerzen. Mein Sitznachbar bemerkte, dass es mir nicht gut ging und gab mir Coca-Blätter, die ich kauen sollte. Und tatsächlich ließen die Schmerzen ziemlich schnell wieder nach. Es war die Höhenkrankheit, auf spanisch „sorocho“, unter der ich damals zum ersten und auch bisher letzten Mal leiden musste. Cuzco liegt immerhin rund 3400 m hoch, und so erfuhr ich, warum die Indios in den Hochtälern der Anden immer Coca-Blätter  kauten.

Ich war an meinem vorläufigen Ziel angelangt, aber ich hatte noch kein Quartier, und alle Zimmer waren wegen des Festes belegt. 1963 gab es kein Internet mit der Möglichkeit, eine Unterkunft vorauszubuchen. Davon werde ich zweiten Teil des Berichtes erzählen.

Ich wurde öfter gefragt, ob ich als junge alleinreisende Frau damals keine Angst gehabt hätte. Doch, die hatte ich gelegentlich. Aber der Wunsch, die einmalige Gelegenheit, die sich mir damals bot, zu nutzen und so viel wie möglich zu sehen, war wesentlich größer.

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3 Gedanken zu “Durch die Hochtäler der Anden in Peru

  1. Toll, Rosemarie, was du alles schon so erlebt hast! Wusste ich gar nicht, dass du so eine Abenteurerin bist. Die Bilder machen in ihrer etwas abgeschossenen Farbigkeit deinen Rückblick um so authentischer. Vielen Dank, dass du uns mit auf die Reise genommen hast!

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    1. Vielen Dank, liebe Petra, für Deine netten Worte. Ich bin sehr dankbar, dass ich das damals auf diese Art sehen konnte. Das Interesse an etwas abenteuerlichen Reisen wurde durch meinen Bruder geweckt, der damals bereits viel unterwegs war. Heute, nach so vielen Jahrzehnten, findet es glücklicherweise auch mein Mann interessant, mit mir abseits der üblichen Touristenrouten Land und Leute mit den landestypischen einfachen Verkehrsmitteln kennenzulernen.

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