Machu Picchu 1963

Drei Tage und drei Nächte fuhr ich mit einem Überlandbus von Lima über Arequipa, den Titicaca-See und durch die Hochtäler der Anden (s. vorigen Bericht) nach  Cuzco, der alten Hauptstadt des Inka-Reiches.  Ich kam frühmorgens an und bemühte mich vergeblich, ein Zimmer für einige Nächte zu bekommen. Cuzco war wegen der am nächsten Tag stattfindenden Feiern anlässlich des Inti Raymi-Festes bereits überfüllt, und es gab keine freien Betten mehr. Das Inti Raymi-Fest war eine religiöse Zeremonie der Inka zu Ehren des Sonnengottes (in der Quechua-Sprache bedeutet „inti“ Sonne und „raymi“ Fest), die jedes Jahr durchgeführt wurde. Die Sonne hatte eine große Bedeutung für die Inka.

Überfüllung Cuzcos wegen des Inti-Ryami-Fest

Machu Picchu liegt ungefähr 115 km nordwestlich von Cuzco entfernt auf einem Bergrücken zwischen den beiden Gipfeln Machu Pichu (alter Gipfel) und Huayna Pichu (junger Gipfel) auf einer Höhe von 2430 m. Die Anlage wurde erst 1911 von dem amerikanischen Historiker Hiram Bingham zufällig entdeckt, sie war völlig überwuchert. Offensichtlich war die Stadt von den spanischen Eroberern übersehen worden, da diese sich nur in den Tälern vorwärts bewegten. Hiram Bingham war auf der Suche nach der „verlorenen Stadt Vilcabamba“; ein kleiner, einheimischer Junge führte ihn nach Machu Picchu, und Bingham dachte, dass es die gesuchte Stadt sei. Die genaue Nutzung von Machu Picchu ist bis heute ein Geheimnis.  

Machu Picchu, die sagenumwobene Inka-Stadt

Der Angestellte einer kleinen Pension riet mir, den Tag zu nutzen und mit dem frühesten Zug nach Machu Picchu zu fahren, weil dort an dem Tag kaum Menschen sein würden. Er brachte mich sogar zur kleinen Bahnstation von Cuzco, und so fuhr ich bereits um 6 Uhr mit dem Bummelzug, der nicht nur Personen, sondern auch Waren und Tiere transportierte, nach Agua Calientes am Fuß von Machu Picchu. Die rund vierstündige  Fahrt mit dem Zug war einzigartig. Die Bahnlinie führte am Rio Urubamba entlang durch ein Längstal der Anden, das immer enger wurde. Die Berge wurden steiler, und die Vegetation nahm zu. Schon unterwegs sah ich Überreste inkaischer Vergangenheit: Brücken, Terrassen und kleinere Festungen.

Während der Zugfahrt entlang des Río Urubamba

Als die Bahnlinie endete, war ich am Ziel. Agua Calientes bestand damals nur aus einigen Häusern und einem kleinen Hotel. Um zu der alten Inka-Stadt Machu Picchu zu gelangen, musste man viele Kilometer lang Serpentinen hinaufsteigen, eine schweißtreibende Angelegenheit. Doch ich hatte Glück, dass mich nach einer Viertelstunde, die ich bereits unterwegs war, ein Bauer mit seinem kleinen Gefährt mitnahm, der ebenfalls nach Machu Picchu wollte. Er gehörte zu wenigen Bauern, denen damals erlaubt war, auf einem kleinen Teilstück der Terrassenfelder von Machu Picchu Süßkartoffeln, Mais und anderes Gemüse anzubauen. Der Bauer hatte Saatgut mitgebracht, das er an dem Tag säen wollte, weil gerade schönes Wetter war. Er sprach leidlich Spanisch und war erstaunlich gut informiert. Er erzählte mir, dass er Nachfahre der Inka und dass er sehr stolz auf die glorreiche Vergangenheit seiner Vorfahren sei. Er und seine Stammesgenossen würden die alten Traditionen der Inka pflegen und dafür sorgen, dass sie auch für die Nachkommen erhalten blieben.

Blick auf Machu Picchu

Ich hatte mir viel von Machu Picchu versprochen, aber das, was ich sah, übertraf bei weitem alle meine Erwartungen. Machu Picchu gehörte damals noch nicht zum Weltkulturerbe der UNESCO , und ich musste keinen Eintritt bezahlen. Ich konnte mich frei bewegen, ohne zeitlich oder in anderer Weise gebunden zu sein. Da ich allein in der großen Anlage war, gab niemanden, der mir irgendwo die Sicht versperrte. Und ich hatte von jeder Stelle aus eine großartige Aussicht.

Sportplatz der Inkas in Machu Picchu

Ich konnte mich frei bewegen, ohne zeitlich oder in anderer Weise gebunden zu sein.  Und ich hatte von jeder Stelle aus eine großartige Aussicht. Es gab niemanden, der mir die Sicht versperrte.

Raffinierte Trockenmauern, ohne Mörtel zusammengesetzt

Die Treppen und Gebäude waren so solide gebaut worden, dass sie noch in vielen Jahrhunderten so aussehen werden, wie ich sie 1963 vorgefunden habe.

Der Río Urubamba befand sich ungefähr 600 m unter mir; es gab damals keine Gitter oder sonstige Absperrungen;  ein Sturz  wäre tödlich gewesen.

Rio Urubamba etwa 600 m unter mir

Fenster und Türen sind trapezförmig gestaltet und so meisterhaft angeordnet, dass man durch die eine Öffnung bereits die nächste sieht.

Nach Aussage meines „Informanten“ war dies der Opferaltar. Hier oben auf der höchsten Stelle von Machu Picchu sollen die Opferrituale stattgefunden haben.

Opferaltar

Von oben konnte ich einen großen Teil der Anlage überblicken. Unter mir sah ich den netten Bauern vorbei gehen, der mich mitgenommen und mir so viel Interessantes erzählt hatte. Er verschwand aber bald wieder aus meinem Gesichtsfeld.

Ich hatte viel Zeit, um die ganze Anlage zu erkunden; ich ging alle Treppen hinauf und wieder hinunter und sah mir Machu Picchu von allen Seiten an und staunte immer wieder über die Perfektion der Steinmetzarbeiten. Sonst war außer mir niemand da. Obwohl ich allein war, hatte ich keine Angst. Es war absolut still, kein Lufthauch war zu spüren, es gab keine Geräusche, nicht einmal Vögel waren zu hören, eine unglaubliche Erfahrung ! So blieb ich auf einer der Stufen stundenlang sitzen, dachte an nichts  und ließ die großartige Natur und Kultur auf mich einwirken, bis ich auf einmal ein Geräusch hörte und ein Lama bemerkte, das sich in unmittelbarer Nähe  niedergelassen hatte und friedlich da saß.

Lama als einziger Gesellschafter in Machu Picchu

Eine ganze Zeit später kamen drei Schwestern in ihrer weißen Kleidung eine der Treppen herunter, außer dem Bauern die ersten Personen, die ich nach vielen Stunden sah. Sie hatten einen Krankenbesuch in Agua Calientes gemacht und und nutzten die Gelegenheit, um auch Picchu zu besuchen.

Einige Stunden danach kam eine kleine Gruppe nordamerikanischer Journalisten, die wegen des Inka-Festes nach Cuzco gekommen war und einen Tag nutzten, um die sagenumwobene Inkastadt zu sehen. Das erwies sich für mich als Glückfall, denn der letzte Bummelzug von Agua Calientes nach Cuzco war bereits weg, und so konnten sie mich mit ihrem Auto zurück nach Cuzco mitnehmen.

Machu Picchu mit eigenen Augen zu sehen, war ein lang gehegter Wunsch von mir. Ich war sehr froh, dass ich ihn mir damals erfüllen konnte, denn vor mehr als 50 Jahren hatte ich noch nicht die Möglichkeit, mir vermittels Fernsehen oder Filmen ein genaues Bild zu machen. Ich hatte nur einige Reisebeschreibungen gelesen.

ttps://nedhamsonsecondlineviewofthenews.com/2021/06/18/machu-picchu-1963/

 

3 Kommentare zu „Machu Picchu 1963

  1. Hat dies auf Ned Hamson's Second Line View of the News rebloggt und kommentierte:
    Vivaldi translation of introduction: For three days and three nights I drove an interurban bus from Lima via Arequipa, Lake Titicaca and through the high valleys of the Andes (see. previous report) to Cuzco, the old capital of the Inca Empire. I arrived early in the morning and tried unsuccessfully to get a room for a few nights. Cuzco was already overcrowded because of the next day celebrations for the Inti Raymi festival, and there were no free beds. The Inti Raymi Festival was a religious ceremony of the Inca in honor of the sun god (in the Quechua language „inti“ means sun and „raymi“ festival), which was held every year. The sun was very important to the Incas.

    Gefällt 1 Person

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