Buenos Aires und der Tango

Der Tango, ein leidenschaftlicher und ausdrucksstarker Tanz, wird als authentische Kreation der Einwohner von Buenos Aires, der Portenos, angesehen. Er entstand vor mehr als 120 Jahren vermutlich im Hafenviertel La Boca am Flussufer des Riachuelo, der dort in den Rio de la Plata fließt; genau ist der Ursprung jedoch nicht bekannt. In den 1880er Jahren tanzten ihn die Einwanderer aus den Mittelmeerländern, aus Osteuropa und Westafrika in den „bordellos“ des typischen Hafenviertels im Südosten von Buenos Aires, der Capital Federal. In zahllosen kleinen Cafés und Tavernen spielten Dutzende von kleinen Tango-Ensembles mit Flöte, Geige und Gitarre zum Tanz auf. In den 60er Jahren nahm man Bandoneo und Piano als Musikinstrumente dazu. Es wurde meist von verlorener Liebe, Verrat, Betrug und Verlassenwerden mit herzzerreißenden, klagenden Melodien gesungen, manchmal tanzten und spielten die Tänzer und Musiker auch in Hallen oder auf Hinterhöfen.

Auch in den Salons des Zentrums von Buenos Aires tanzte man bald mit komplexen, theatralischen Schritten den Tango. Später wurde er sogar in Europa salonfähig, nachdem 1983 die argentinische Show „Tango Argentino“ in Paris die Uraufführung feierte. Der Tango wurde zum Modetanz der Oberschicht, nicht nur in Buenos Aires, sondern auch in anderen Hauptstädten wie Paris, Berlin und sogar Tokio.

2009 nahm die UNESCO den Tango als Teil des Weltkulturerbes in die Liste der schützenswerten immateriellen Kulturgüter auf. Dadurch sollen Traditionenen, Rituale und Feste bewahrt werden.

Es gab in Buenos Aires viele berühmte Tango-Künstler, aber als einer der größten Tango-Künstler gilt immer noch Carlos Gardel, der nicht nur Sänger, sondern auch Komponist von mehr als 100 Liedern war. Seine Texte handelten meist von leidenschaftlicher, aber auch von enttäuschter Liebe, Betrug und Verrat. Während einer Tournee durch Lateinamerika starb er bei einem Flugzeugabsturz im Jahr 1935. Er wurde nur 45 Jahre alt und war gerade auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Nach seinem frühen Tod wurde er zur Legende; in Argentinien wurde und wird er mehr verehrt als Elvis Presley in der übrigen Welt. Seine Liebe zu Buenos Aires wird in seinem Lied „mi querido Buenos Aires“ (mein geliebtes Buenos Aires) deutlich. Der Titel seines Tango-Liedes „Veinte anos no es nada“ (Zwanzig Jahre sind nichts) wurde bald zum  geflügelten Wort in Lateinamerika.

Carlos Gardel wurde auf dem Friedhof La Chacarita in Buenos Aires begraben. Seine Fans haben ihn nie vergessen. Noch heute gehen einige von ihnen zu seinem Grab und stecken eine glimmende Zigarette in die Hand der Statue. In Argentinien sagen sie noch immer „Gardel singt mit jedem Tag besser.“ Im Jahr 2003 erklärte die UNESCO die Originalaufnahmen von Carlos Gardel von der UNESCO zum Weltdokumentenerbe.


Anders als in einigen Reiseführern erwähnt, gab es auch in den 60er Jahren durchaus eine lebhafte Tango-Szene. In der Zeit, in der ich in Buenos Aires war, besuchte ich einige Male eine der Tango-Shows, wie es sie noch heute zahlreich gibt. Wesentlich interessanter jedoch fand ich den sogenannten „Straßen-Tango“. Vor allem in den Stadtvierteln La Boca, San Telmo und auf der Plaza Dorrego fanden sich immer einige Musiker, die Tango-Musik spielten, und einzelne Personen oder Paare, die danach begeistert Tango tanzten, egal ob Hafenarbeiter, Händler oder Hausfrau, sei es in Arbeitskleidung oder mit Lockenwicklern in den Haaren. Ich war immer wieder fasziniert, wie hingebungsvoll sich die Tänzer dem Tango-Rhythmus und der meist in Moll-Akkorden gespielten Musik widmeten. Es war unwichtig, wie der Partner oder die Partnerin aussah oder wie alt die Person war, auf mich wirkten die Tango-Paare – es konnten auch zwei Frauen sein – immer wie eine gut eingespielte Einheit. Die beiden Tänzer hatten eine gemeinsame Leidenschaft: den Tango. Nirgendwo sonst auf der Welt habe ich diese leidenschaftliche Tango-Begeisterung gesehen; der Tango repräsentiert das Lebensgefühl der Portenos besser als alles andere sonst. Er ist ein kulturelles Phänomen aus Tanz, Musik und Poesie.

Tango ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Er schaffte und schafft immer noch viele Arbeitsplätze für alle diejenigen, die mit dem Tango ihren Lebensunterhalt verdienen: Tango-Tanzlehrer, Café-Besitzer und Angestellte in Tango-Bars, in Fabriken und Souvenirläden, Touristenführer und vielen mehr. Während der 90er Jahren gab es einen regelrechten Boom von Tango-Schulen, und auch heute noch kommen viele Touristen nur wegen des Tangos nach Buenos Aires.

Auch in der damals sehr eleganten Einkaufsstraße „Calle Florida“ legten bereits vor Jahrzehnten Tango-Tänzer ab 21 Uhr eine etwa zehn Quadratmeter große Plastikfolie aus und stellten in der Nähe eine Musik-Box auf. Dann begannen die elegant gekleideten Paare nach der Musik aus der Musik-Box komplizierte Tango-Schritte zu tanzen, immer abwechselnd, weil sonst der Platz nicht gereicht hätte. Jeder, der mehr oder weniger zufällig oder auch gezielt vorbeikam, konnte den Tänzern zusehen und Beifall zollen. Fast alle Zuschauer warfen einige Münzen oder auch Scheine in einen zu diesem Zweck bereit gestellten Korb, ein kleines, finanzielles Anerkenntnis der Tango-Künstler. Dafür bemühten sich die Tänzer umso mehr, zum Teil wirklich großartige Tango-Tanzkunst zu zeigen.

Als ich mit meinem Mann vor einiger Zeit wieder in Buenos Aires war, wohnten wir acht Tage lang in einem Hotel ganz in der Nähe der Calle Florida. Ich war sehr erfreut, dass auch dieses Mal wieder jeden Abend ab 21 Uhr, genau wie vor vielen Jahrzehnten, Tango-Kunst gezeigt wurde. Besonders ein Tänzer fiel uns auf, der souverän mit wechselnden Partnerinnen eine sehenswerte Tango-Show bot. Wenn wir nichts anderes unternahmen, sahen wir uns diese Show jeden Abend mit Vergnügen an.

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