Waisenhäuser in Myanmar

Kein Land hat mich jemals so interessiert, fasziniert, berührt und seither nicht mehr losgelassen wie Myanmar, das Land der goldenen Pagoden. Es sind nicht nur die kulturellen Schätze und die vielfältige Natur des Landes, die mich seit mehr als 20 Jahren faszinieren, sondern vor allem auch die Menschen, die ich kennenlernen durfte. Geweckt wurde mein Interesse für dieses Land durch die Lektüre des Buches „Der Glaspalast“ von Amitav Ghosh, in dem eine interessante Familiengeschichte vor dem geschichtlichen Hintergrund Burmas erzählt wird. Ich wollte gerne dieses geheimnisvolle Land selbst kennenlernen.

Birma, Burma oder Union Myanmar – egal, welchen Namen man verwendet, es ist immer dasselbe Land gemeint. Im deutschen Sprachraum wurde es bis Ende der 1980er Jahre „Birma“ genannt, in der englischen Sprache hieß die ehemalige britische Kolonie „Burma“. Seit 1989 heißt das Land offiziell „Union Myanmar“, ein Synonym für Birma in birmanischer Sprache. Allerdings haben nicht alle Staaten und alle Medien diesen Namen akzeptiert, so dass weiterhin von Birma oder Burma gesprochen bzw. geschrieben wird.

Birma, Burma oder Myanmar – drei Namen für dasselbe Land

Als ich vor rund 25 Jahren das Angebot für eine Schiffsreise sah, bei der ein Aufenthalt von mehreren Tagen in Yangon vorgesehen war, buchte ich diese spontan, denn in den 1990er Jahren war es äußerst schwierig, individuell zu reisen. Mein Mann konnte aus beruflichen Gründen nicht mitkommen – er hatte außerdem damals noch nicht so viel Interesse an dem Land wie ich – , so fuhr ich allein. In Rangun, dem heutigen Yangon, war ich von den vielen historischen Kulturstätten sehr beeindruckt. Ich war fasziniert von den Menschen mit den blassgelb angemalten Gesichtern, die mich scheu ansahen wie ein Wesen aus einer fernen Welt, denn es gab damals kaum westliche Besucher.

Es war überhaupt vieles anders als das, was ich bisher in anderen asiatischen Ländern gesehen hatte. Dass die Männer keine langen Hosen trugen, sondern statt dessen eine Art Wickelrock, einen Longyi, war auch neu für mich wie so vieles andere auch. Besonders beeindruckt war ich von der Shwedagon Pagode, und ich war sicher, dass ich eines Tages nach Myanmar zurückkehren würde, um sie noch einmal zu sehen.

Die Shwedagon Pagode abends

Es dauerte mehr als zehn Jahre, bis ich den Wunsch verwirklichen und mit meinem Mann individuell nach Myanmar fahren konnte. Wir hatten die Reise gut vorbereitet und alles an Literatur gelesen, dessen wir habhaft werden konnten. Zu der Zeit gab es nicht viele Reiseführer über das Land, Myanmar war noch kein bekanntes Reiseziel. In einer Bücherei sah ich ein Buch, in dem nicht nur die ungewöhnlichen Reise-Erlebnisse des Autors in Myanmar geschildert wurden, sondern auch von Waisenhäusern berichtet wurde, um die er sich bereits seit 2000 intensiv kümmerte. Das interessierte mich sehr, und folglich nahm ich Kontakt mit ihm auf und fragte ihn, ob man die beiden Waisenhäuser in Mandalay besuchen und was man evtl. dorthin mitnehmen könnte. Der Autor des Buches, Klaus Schröder, ermöglichte die Kontaktaufnahme zu den beiden Heimen und gab uns viele nützliche Hinweise für die Besuche dort und für Myanmar im allgemeinen. Wir verabredeten uns zu einem späteren persönlichen Treffen in einem Hotel in Yangon, das dann später auch stattfand.

   Das Buch war Auslöser für unsere Besuche in den Waisenhäusern

So kamen mein Mann und ich eines Tages mit etwa 10 kg Medikamenten und etlichen Kosmetikproben als Mitbringsel für die Lehrerinnen der Waisenhaus-Schulen auf dem Flughafen von Yangon an. Es war noch zur Zeit der Militärdiktatur, und wir waren in  Sorge, was passieren würde, wenn der Zoll im Flughafen die Medikamente und die Kosmetika in unseren Koffern entdecken würde. Wir sahen uns schon mit einem Bein im Gefängnis, zumal wir sehr viel Bargeld dabei hatten. Wir hatten gehört, dass wir in Birma weder mit Kreditkarte bezahlen noch von einer Bank Geld abheben konnten, wie es heute selbstverständlich ist. Aber glücklicherweise waren unsere Befürchtungen unbegründet, wir wurden nur oberflächlich kontrolliert und konnten problemlos zum Ausgang des Flughafens gehen. Das Gebäude war damals noch wesentlich kleiner und nicht so modern wie der neue Flughafen, den wir bei den späteren Besuchen vorfanden.

Unser Taxi für die nächsten Tage

Von Yangon aus flogen wir via Heho nach Mandalay. Dort sahen wir einen Taxi-Fahrer mit seinem kleinen Auto vor unserem Hotel, der auf Kunden wartete. Wir wollten ihm etwas zu verdienen geben, deshalb engagierten wir ihn für die nächsten vier Tage. Schon am folgenden Tag fuhren wir mit dem klapprigen Taxi – vorne war die Fahrerkabine, hinten zwei schmale Holzbänke quer für uns zum Sitzen – zum Mädchenwaisenhaus. Wir wurden von den Kindern mit Liedern empfangen, denn wir waren bereits angekündigt. Die Mädchen servierten uns selbstgemachte Limonade und verschiedene Süßigkeiten aus tropischen Früchten.

Eine ältere pensionierte Schuldirektorin war die „Seele“ des Mädchenheimes (leider ist sie inzwischen verstorben, das ist nicht nur für die Mädchen des Heims ein Verlust; s.auch den Beitrag auf diesem Blog „Bemerkenswerte Frauen…“). Sie unterrichtete nicht nur die Mädchen, sondern half ihnen auch bei allen möglichen Angelegenheiten. Sie zeigte uns die verschiedenen Gebäude: die Schlafräume, den „normalen Speisesaal“ für jeden Tag und einen für Festlichkeiten, die Kochstelle, die sich außerhalb des Hauses im Freien befand, das Nähzimmer, die Bibliothek, das Krankenzimmer und sogar einen Computerraum für Mädchen, all das war ein großer Fortschritt gegenüber den Zeiten, als das Waisenhaus noch nicht von der Myanmar-Kinderhilfe gefördert wurde.

Computer für die älteren Mädchen zum Üben  (2009)

In dem Nähzimmer wurde nicht nur die grün-weiße Schulkleidung für die Lehrerinnen und die Schülerinnen genäht, sondern interessierte Mädchen hatten hier auch die Möglichkeit, eine Ausbildung zur Schneiderin zu machen. Damit hatten sie einen Beruf und konnten sich später selbstständig machen.

Nähzimmer mit den Stoffen für die Schulkleidung

Gekocht wurde im Freien unter einer Überdachung. In der Regel gab es Reis und Gemüse, an besonderen Tagen auch etwas Fleisch oder Fisch.

Kochstelle im Freien

Im Mädchenwaisenhaus ging es äußerst diszipliniert zu. Die Kinder stellten sich jeweils mit gefalteten Händen hintereinander auf und warteten geduldig, bis sie das Zeichen zum Empfang einer Spende, zum Essen oder zu sonstigen Tätigkeiten erhielten. Die Haare der jüngeren Mädchen waren aus hygienischen Gründen kurz geschnitten.

Strenge Regeln im Mädchenwaisenhaus

Wie man es in Myanmar oft sieht, hatten die meisten Mädchen des Waisenhauses Thanaka-Paste aus der zerriebenen Rinde des Thanaka-Baumes zum Schutz gegen Sonne und zur Pflege der Haut aufgetragen.

Mädchen des Waisenhauses mit Thanaka-Paste

Bevor die Mädchen mit dem Essen anfangen konnten,  wurde jedes Mal erst gemeinsam ein Gebet gesprochen.

Speisesaal des Mädchenwaisenhauses in Mandalay

Im Zeichenunterricht versuchen die Mädchen, ihre teilweise traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten.

Zeichnung eines Waisenhauskindes

Bei unserem ersten Besuch im Mädchenwaisenhaus in Mandalay kam gerade ein kleines Mädchen an, das beide Eltern kurz zuvor durch kriegerische Auseinandersetzungen an der Grenze verloren hatte. Es weinte bitterlich, aber nachdem es geduscht war und die älteren Mächchen es trösteten – viele hatten selbst ein ähnliches Schicksal erlitten -, konnte es wieder ein wenig lächeln (auf dem Gruppenfoto ist es vorne in der Mitte zu sehen).

Abschied von dem Mädchenwaisenhaus in Mandalay

Unser Taxi-Fahrer brachte uns ebenfalls in das Waisenhaus der Jungen in Mandalay. In der angegliederten Schule konnten auch die Kinder des Mädchenwaisenheims, das keine eigene Schule hatte, und andere Kinder von außerhalb am Unterricht teilnehmen, egal welcher Ethnie oder Religionsgemeinschaft  sie angehörten. Dass die Kinder lernen wollten, merkte man sehr schnell. Es war ihnen bewusst, dass Bildung für sie die einzige Möglichkeit ist, dem Kreislauf aus Arbeitslosigkeit und Armut zu entkommen.

Klassenzimmer

Unterricht in der dem Waisenhaus angegliederten Schule

Ich war überrascht, dass nicht nur die Lehrer, sondern gleichfalls die meisten Kinder gut Englisch sprachen. Erstaunt war ich ebenso darüber, dass auch die Lehrbücher teilweise in englischer Sprache geschrieben waren und dass sogar mathematische Sachverhalte in Englisch erklärt wurden.

Mathematische Gleichungen in englischer Sprache

Die Mädchen des Mädchenwaisenhauses gehen gerne in die Schule. Sie haben hier Kontakt mit anderen, gleichaltrigen Kindern, außerdem mögen sie die entspannte Atmosphäre und die schöne Schulkleidung. Im Heim tragen sie nur gespendete, gebrauchte  Kleidung.

Waisenkinder in der im Heim genähten grün-weißen Schulkleidung

Klassenzimmer mit viel Anschauungsmaterial in Englisch

Bei jedem unserer fünf Besuche in verschiedenen Waisenhäusern der Myanmar Kinderhilfe gaben wir eine kleine Spende, die jeweils von dem Abt sorgfältig in ein Buch eingetragen und dann quittiert wurde.

Schulleiter und Abt unterschreiben unsere Spendenquittung

Die Gebäude des Jungenwaisenhauses bedurften dringend einer Renovierung bzw. Erneuerung. In den folgenden Jahren sollte diese mit Hilfe der Myanmar Kinderhilfe  in Angriff genommen werden.

Waschmöglichkeiten im Jungenwaisenhaus

        

Schlafraum für Jungen

Bei einem weiteren Besuch des Jungen-Waisenhauses in Mandalay fand wie beim ersten Mal wieder eine Hochzeit im großen Saal des Geländes, auf dem das Waisenhaus liegt, statt. Wir wurden spontan eingeladen, an der Hochzeitsfeier teilzunehmen.  Es wäre eine Ehre für das Brautpaar, so sagte man uns. Wir nahmen die Einladung gerne an, bot sie uns doch die Möglichkeit, eine richtige burmesische Hochzeit mitzuerleben. Die Tische waren sehr niedrig, wie es in vielen asiatischen Ländern üblich ist, und es fiel uns zuerst nicht leicht, die richtige Sitzhaltung einzunehmen, aber nach einiger Zeit ging es. Die Brautmutter, Universitätsprofessorin, lud uns ein, in Inwa ihre Gäste zu sein, aber aus Zeitgründen konnten wir die Einladung leider nicht annehmen.

Das Brautpaar vor dem geschmückten Altar

Schwestern und Freunde des Brautpaares

Freundin der Braut mit Familie

Unser vorläufig letzter Besuch in Myanmar führte uns in den Süden des Landes. Dabei machten wir auch in Mawlamyine, dem früheren Moulmein, Halt und besuchten das von einem sehr engagierten Abt geführte Waisenhaus in Mawlamyine. Sowohl die Grund- als auch die  Mittelschule konnten gleichfalls von externen Schülern jeglicher Religionszugehörigkeiten, wie Moslems und Hindus, besucht werden. In den Schulen unterrichteten auch vier muslimische Lehrerinnen, für ein buddhistisches Heim ungewöhnlich.

Schlafsaal des Waisenhauses in Mawlamyine

Es hatten noch nicht viele westliche Besucher das Waisenhaus besucht, das sah man an den teilweise erstaunten Gesichtern der Kinder.

Der Abt und Leiter des Waisenhauses in Mawlamyine

Waisenhaus in Mawlamyine

Wenn es möglich war, besuchten wir in Myanmar ebenfalls andere Waisenhäuser, zum Beispiel ein kleines Waisenhaus in der Nähe des Inle-Sees. Wir durften allerdings nicht alle Räumlichkeiten sehen, konnten aber mit den Kindern sprechen.

Waisenkinder in der Nähe des Inle-Sees

Die Myanmar-Kinderhilfe e.V. wurde im Jahr 2000 von Klaus Schröder als gemeinnütziger Verein gegründet. Er hatte bei einem Besuch von Myanmar die katastropheln Zustände von Waisenhäusern in Myanmar kennengelernt und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die hygienischen und gesundheitlichen Lebensbedingungen der Kinder und Jugendlichen in Waisenhäusern nachhaltig zu verbessern. Erst dann konnte man ihnen solide schulische Bildung und eine gezielte praktische Ausbildung ermöglichen. Ein besonderes Anliegen war und ist immer die Förderung von benachteiligten Mädchen und Jungen der verschiedenen ethnischen Minderheiten. Im Laufe der 17 Jahre langen Tätigkeit von Herrn Schröder unter Mithilfe von Constantin Schuster und einigen ehrenamtlichen, engagierten Leuten der Myanmar-Kinderhilfe wurde deutlich, dass es möglich ist, die Kinder aus dem entwürdigenden Kreislauf von Arbeitslosigkeit und Armut herauszuführen. 2017 wurde die Kinderhilfe in eine gemeinnützige Stiftung umgewandelt, nachdem ein würdiger Nachfolger, Jörn Ziegler, gefunden war. Im Gegensatz zu vielen Stiftungen, bei denen ein großer Teil der Spenden in den Verwaltungsapparat fließt, lebt die Myanmar Kinderhilfe-Stiftung von der ehrenamtlichen Arbeit vieler Kräfte, so dass das ganze Geld den Kindern zugute kommt. Herrn Schröder wurde für seine Verdienste um die Waisenhäuser das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Wir unterstützen die Arbeit des früheren Vereins und der jetzigen Myanmar-Kinderhilfe-Stiftung, weil wir uns mehrfach an Ort und Stelle davon überzeugen konnten, wieviel ehrenamtliches Engagement geleistet wird und welch positiven Ergebnisse die Arbeit hervorbringt (s.auch den Beitrag auf diesem Blog: „Myanmar 2009….“). Die Kinderhilfe unterstützt inzwischen sechs Waisenhäuser und sechs Schulen und seit einiger Zeit auch Straßenkinder und Kinderarbeiter in Myanmar.

Wir fördern auch andere, kleine Hilfsorganisationen, von denen wir wissen, dass die Hilfe wirklich ankommt. Zwei der größeren Kinderhilfswerke unterstützen wir nicht mehr, seit wir festgestellt hatten, dass ein Teil der Spenden nicht bei den Kindern direkt ankommt.

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