Kambodscha – Leben auf dem Tonle-Sap-See

Der Tonle-Sap-See gehört zu den fischreichsten Gewässern der Erde. Durch den sich ständig ändernden Wasserspiegel infolge des Monsuns sind die Menschen jedoch gezwungen, sich in besonderer Weise mit der Natur zu arrangieren. Viele Fischer leben mit ihren Familien in schwimmenden Dörfern und auf Hausbooten. Sogar die Schule, die Tankstelle und der Supermarkt schwimmen auf dem Wasser. Um einen kleinen Einblick in das Leben der Menschen auf dem See zu bekommen, fuhren wir mit einem kleinen Versorgungsboot von Battambang im Westen Kambodschas nach Siem Reap, wo wir uns auch weniger bekannte Tempel ansehen wollten. Der Besitzer unseres kleinen Hotels in Battambang hatte es uns ermöglicht, mit dem Versorgungsboot zu fahren. Wir waren die einzigen Westler, das Versorgungsboot nimmt normalerweise keine Touristen mit.

  Enge auf dem Versorgungsboot

Die erste Zeit war die Fahrt trotz der Enge sehr angenehm. Das Boot hatte nur eine schützende Überdachung vor Regen und gegen Sonne, war aber an den Seiten offen, so dass der Fahrtwind wohltuend erfrischte, und man konnte die üppige Vegetation und das gemächliche Leben auf dem Wasser ungehindert genießen.

Bäume und Büsche waren sattgrün, keine lärmenden Motorboote störten die schöne, friedliche Atmosphäre.

Üppige Natur am Ufer des Tonle Sap

Im nächsten Dorf stiegen noch einige Bewohner zu und brachten ihr Gepäck mit, so dass man kaum noch Platz hatte, um sich zu bewegen. Als nach einiger Zeit die orangefarbenen Plastikvorhänge gegen die intensive Sonnenbestrahlung halb heruntergelassen wurden, fing es an, stickig und unangenehm zu werden. Eine kurzfristige Erholungspause gab es an der nächsten Anlegestelle. Wir konnten aussteigen und uns die Beine vertreten und auch ein wenig vom Leben der Dorfbewohner kennenlernen. Die Kinder freuten sich über die Abwechslung, auch von anderen Booten eilten sie herbei.

Bootskinder

Nur ein etwas älteres Mädchen stand ein wenig traurig an einen Pfeiler gelehnt, während die anderen Kinder herumsprangen und sich vergnügten.

Als das Mädchen jedoch sah, dass es mein Interesse fand, lächelte es mich an.

Bezauberndes Lächeln

Es wurde zunehmend drückend heiß; man sah den müden Gesichtern der Mitreisenden an, dass die Bootsfahrt für sie keine Vergnügungsfahrt war, sondern pure Notwendigkeit. Auch für uns war es nicht gerade bequem, vor die Knie meines Mannes (vorne rechts im Bild) hatte man noch einen kleinen Teppich und eine Tasche gestellt, weil sonst kein Platz dafür war.

Mitreisende auf dem Versorgungsschiff

Das Boot hatte zwar – theoretisch – ein WC, dessen Tür aber so zugestellt war, dass man es nicht benutzen konnte.  Im nächsten schwimmenden Dorf gab es jedoch eine der typischen Bootshaus-Toiletten, kein Luxus, aber sauber, ich hatte schon weniger angenehme  Toiletten in Asien gesehen. Es war nicht ganz leicht, hineinzukommen. Man musste dazu erst auf eine Kiste steigen und ein wenig gelenkig sein, weil man auf der Innenseite des WCs zuerst auf den Querbalken steigen musste und dann erst irgendwie hinunter kam. Es war ratsam darauf zu achten, dass nichts aus den Hosentaschen ins Wasser fiel, die Gegenstände waren unwiderbringlich verloren.

Typische Toilette auf einem Bootshaus

Wenn das Versorgungboot an einer Häuseransiedlung oder in einem Dorf anlegte, kamen von überall her Bewohner der schwimmenden Dörfer mit ihren kleinen Holzbooten. Es waren vor allem Frauen, die paddelten, Männer sahen wir weniger. Sie wollten die bestellten Waren und die Post abholen und auch Briefe zum Verschicken mitgeben.

Überwiegend Frauen, die paddeln

Es war gar nicht so leicht, Säcke, Pakete und andere  Waren auf den eigenen Booten sicher zu verstauen und dann noch zu bezahlen. Die schweren Säcke mussten gut positioniert werden, damit das Boot nicht umkippte.  Aber helfende Hände gab es immer.

Helfende Hände

Das Paket wird direkt bar bezahlt  Heimtransport der erworbenen Ware

Auch die Kinder sind von klein auf gewohnt, mit dem Boot selbstständig zur Schule, zum Einkaufen und zu anderen Tätigkeiten zu fahren.

Kinder auf dem Weg zur Schule

Wie man es auf dem Tonle Sap öfter findet, haben die Bewohner auch zwischen diesen beiden Häusern eine Fischfarm angelegt, um vom ständig sich ändernden Wasserstand des Tonle Sap durch den Monsun unabhängig zu sein.

Kleine Fischfarm zwischen zwei Bootshäusern

Auf der Bank mir gegenüber lag ein kleiner Hund umgeben von Reissäcken, Koffern und Taschen. Er bewegte sich kaum, manchmal fiepste er kläglich, und gelegentlich floss ein Bächlein den Sitz hinunter. Der Hund war ohne Begleitung, aber nach einigen Stunden hatte seine Qual ein Ende: ein kleiner Junge wartete schon sehnsüchtig auf einem Hausboot und schloss den jungen Hund freudestrahlend in die Arme.

Hunde sind gar nicht so selten auf den Hausbooten; ab und zu sahen wir einen Hund, der entweder ruhig das Geschehen ringsherum beobachtete – ganz rechts auf dem Bild – oder an irgendetwas neugierig schnupperte.

Lagerhaus mit Hund (ganz rechts in der Mitte)

Neugierige Hunde auf Terrassen von Bootshäusern

Motorboote sahen und hörten wir kaum, die meisten Bewohner der schwimmenden Dörfer hatten ein kleines Holzboot, mit dem sie sich auf dem See mit Hilfe von Paddeln fortbewegten.

Auch religiöse Stätten sahen wir auf dem Tonle Sap: buddhistische Pagoden und eine kleine Kirche.

Buddhistische Pagode auf dem See

Das Versorgungsboot brachte auch Waren in die kleinen Geschäfte auf dem See, in denen sich die Bewohner mit dem Nötigsten versorgen konnten.

Großer Andrang vor einem Bootshaus-Geschäft

Auf den letzten Kilometern nahm das Boot Fahrt auf, der Bootsführer wollte nach der anstrengenden Fahrt endlich nach Hause.

Kaum dass wir in Siem Reap angelegt hatten, stieg schon ein junger Mann von der Seite her in das Boot und nahm sich unser Gepäck. Der Hotelbesitzer in Battambang hatte ihn angerufen und ihm unsere Ankunftszeit mitgeteilt. Da er in seiner Art sehr angenehm war, engagierten wir ihn mit seiner Motorrikscha während der nächsten Tage für alle Fahrten in Angkor und Umgebung. Der Mann war froh, zumindest für einige Zeit einen festen Job zu haben.

Endlich das Ziel in Sicht

Während der vielen Stunden, die wir auf dem Boot verbrachten, saß mir schräg gegenüber ein Mann mit einem sehr markanten Gesicht. Er hatte auf dem Schoß ein in Packpapier eingeschlagenes Paket, das er fest umklammert hielt. Ich musste immer wieder zu ihm hinsehen, denn er wirkte wie eine Statue, fast bewegungslos. Die ganze Fahrt über saß er stoisch auf seinem Platz und stieg auch nicht aus, um sich ein wenig die Füße zu vertreten, wenn das Boot in einem schwimmenden Dorf Halt machte. Selbst das Bändsel einer Rettungweste, das bei jeder Bootsbewegung vor seinem Gesicht hin- und herbaumelte, störte ihn offensichtlich nicht.

Mein Gegenüber für viele Stunden

Als wir von Bord gingen, sah ich den Mann wieder. Er war gerade dabei, sein sorgfältig behütetes Paket auszupacken. Als ich sah, was das Paket enthielt, war ich sprachlos: es war ein dicker, wattierter grauer Anorak, den er sich nach dem Auspacken anzog. Es waren mehr als 35 Grad, dazu war es noch feuchtheiß. Einer der Mitreisenden, der etwas Englisch sprach, sah mein entgeistertes Gesicht und klärte mich auf: der Mann war zur Hochzeit seines Enkels eingeladen, und dazu wollte er „sein bestes Kleidungsstück“ anziehen. Den Anorak hatte ihm ein Reisender vor vielen Jahren geschenkt. Der alte Mann hütete ihn wie einen Schatz und zog ihn nur bei ganz besonderen Gelegenheiten an. Und solch eine Gelegenheit war die Hochzeit des Enkels.

12 Kommentare zu „Kambodscha – Leben auf dem Tonle-Sap-See

  1. Das war bestimmt ebenfalls eine sehr interessante Reise, liebe Marie. Du hast so viel erlebt und gesehen. Ich würde auch gerne nach Kambodscha reisen, dort war ich noch nie. Ich glaube sie haben dort tropisches Klima? Auf Deinen Fotos sieht die Vegetation tropisch aus. Leider vertrage ich das tropische Klima nicht mehr. Je älter ich werde, desto weniger mag ich die Hitze.

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    1. Da Kambodscha nur 10 bis 12 Breitengrade vom Äquator entfernt ist, herrscht dort überwiegend tropisches Klima. Ich vertrage die Hitze und Feuchtigkeit auch nicht gut, schon früher nicht, aber wenn es bei mir darum geht, etwas Interessantes zu sehen, ignoriere ich das und suche zumindest Schatten, wo es möglich ist.
      Du hast ebenfalls sehr viel erlebt und gesehen, nur teilweise andere Reiseziele und auf andere Art. Das ist genauso interessant.

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      1. Ja, ich habe viel gesehen, ich möchte gerne noch mehr sehen. Ich denke, ich werde mich künftig auf Reiseziele mit gemässigtem Klima konzentrieren. Davon gibt es in der Russischen Föderation genug: Die Ostsee mit der Kurischen Nehrung und Kaliningrad; Karelien; den Baikalsee und Umgebung; den Fernen Osten mit Wladiwostok, Sachalin, Kamtschatka; Jakutien (Sacha); den Ural; den Kaukasus; usw. Mittlerweile kann ich schon genug Russisch, um mich frei bewegen zu können ….

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  2. Weiterhin interessiert mich die Jüdische Autonome Oblast (Еврейская автономная область) im russischen Fernen Osten, an der Grenze zu China. Weil ich Jüdin bin, will ich sehen, wie die Juden dort leben. Das ist interessant für mich. 

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    1. Das alles würde mir auch gefallen, aber ohne die entsprechenden Sprachkenntnisse ist es für mich nicht möglich, in Russland zu reisen. Es ist sicher auch sehr interessant, die Jüdische Autonome Oblast im fernen Osten zu sehen. In der Schule haben wir mit dem Geschichtsunterricht vor dem Ersten Weltkrieg 1914 aufgehört. Die Nazi-Herrschaft wurde verschwiegen, und so wusste ich kaum etwas darüber. Ich war 1965 als Reiseleiterin in Israel und habe bei einer jüdischen Familie gewohnt. Von ihnen habe ich sehr viel erfahren.

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  3. Hat dies auf Ned Hamson's Second Line View of the News rebloggt und kommentierte:
    Google translation of title and introduction: Cambodia – Life on Tonle Sap Lake December 3, 2019 Tonle Sap Lake is one of the most fish-rich waters on earth. However, due to the constantly changing water level as a result of the monsoons, people are forced to come to terms with nature in a special way. Many fishermen live with their families in floating villages and on houseboats. Even the school, the gas station and the supermarket float on the water. To get a little insight into the life of the people on the lake, we took a small supply boat from Battambang in western Cambodia to Siem Reap, where we also wanted to see lesser-known temples. The owner of our small hotel in Battambang had enabled us to take the supply boat. We were the only westerners, the supply boat usually doesn’t take tourists.

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