Bella Italia – Sehnsuchtsland Italien

Den ersten richtigen Urlaub erlebte ich, als ich 16 Jahre alt war. Mein Vater hatte einen gebrauchten VW-Käfer und ein Zelt für vier Personen gekauft und wollte mit der ganzen Familie zum ersten Mal in den sonnigen Süden fahren; irgendwo hin, wo die Nächte lauwarm waren und wo man sich praktisch den ganzen Tag im Freien aufhalten und vor allem schwimmen konnte.

Früher war das Klima in Deutschland anders, es gab etliche verregnete Sommer und nicht so viele laue Abende wie heutzutage. Deshalb war die Sehnsucht nach Italien, dem „Land, in dem die Zitronen blühen“,  in der Generation meiner Eltern und auch in meiner Generation sehr groß. Obwohl mich die Vorstellung, so lange mit meinem Vater auf engstem Raum zusammen zu sein, nicht erfreute, wollte ich mitfahren. Schließlich war es der erste wirkliche Urlaub meines Lebens, dazu noch unter Palmen im Süden. Mein Bruder hatte andere Pläne, er wollte zwar mit uns im Auto bis Südfrankreich mitfahren, um Geld zu sparen, aber er hatte vor, anschließend allein durch Frankreich, Spanien und Marokko zu trampen. 

Unser alter VW-Käfer (davor meine Schwester links auf dem Bild, ich rechts)

Und so fuhren wir zu fünft los im engen VW-Käfer mit dem Zelt auf dem Dachgepäckträger und dem anderen umfangreichen Gepäck auf den Knien. Die Fahrt von Leverkusen, wo wir damals wohnten, bis ans Mittelmeer in Südfrankreich war lang und ungemütlich.

Meine Schwester, mein Bruder und ich (Mitte) in der Schweiz

Wir fuhren auch die Nacht durch, um die Kosten für eine Übernachtung zu vermeiden. In der Nähe von Avignon in Südfrankreich machten wir endlich eine längere Pause am Straßenrand, um etwas zu essen und um die Glieder zu strecken.  

Hübscher Ort in Südfrankreich

Neben uns hielt ein französisches Auto, ein 2 CV, aus dem nacheinander sieben Personen stiegen. Auf dem Dach hatten sie einen Kinderwagen festgeschnallt, aus dem sie zusätzlich noch ein Baby herausholten. Wie die 7 + 1 Personen in dem 2 CV Platz gefunden hatten, war uns ein Rätsel, aber Franzosen sind Weltmeister im Improvisieren. Wir aßen nach französischer Art Weißbrot und Käse und prosteten uns gegenseitig mit der französichen Großfamilie zu und verstanden uns blendend. So konnte der Urlaub beginnen.

Mein Bruder verabschiedete sich anschließend  von uns, um allein Richtung Spanien zu fahren, dadurch hatten wir während der Weiterfahrt etwas mehr Platz im Auto. Wir  fuhren danach  zu viert auf einen Campingplatz an der Cóte d´Azur, um dort den ersehnten Urlaub im sonnigen Süden zu verbringen.

Endlich an der Mittelmeerküste, rechts unser VW-Käfer

Wir wollten gerade unser Zelt aufbauen, als plötzlich ein heftiger Gewittersturm losbrach, wie wir ihn bis dahin noch nicht erlebt hatten. Zelte, Geschirr und Campingmöbel der Campinggäste flogen durch die Luft. Die Besitzer der Gegenstände versuchten verzweifelt zu retten, was noch zu retten war. Wir waren froh, dass wir unser Zelt noch nicht aufgebaut hatten, es wäre wahrscheinlich genau so zerfetzt worden wie viele andere Zelte. So verbrachten wir die Nacht zu viert im engen VW-Käfer.

Danach hatten wollten wir nicht mehr in Südfrankreich bleiben und fuhren weiter nach Italien zum Gardasee. In dem hübschen Ort Malcesine fanden wir einen Campingplatz, der in Stufen unter Olivenbäumen angelegt war. Für uns war es ein Traum von Campingplatz, es gab reichlich Schatten, und wir waren direkt am See. Das Wasser war für unsere Verhältnisse lauwarm, klar, und vor allem war es „weich wie Seide“. Der nicht sehr breite Strand bestand aus Kieselsteinen, aber das beeinträchtigte nicht meine Freude am See. Mein Vater genoss vor allem den süffigen italienischen Rotwein und die entspannte Atmosphäre und war dadurch die ganze Zeit über sehr friedlich.

In Malcesine gab es, nicht weit vom Campingplatz entfernt, direkt am See ein Tanzlokal, das „Casa di Bambú“. Dort spielte immer abends eine Band Musik zum Tanzen und Träumen. Meine Schwester und ich gingen jeden Abend mit unseren Eltern dorthin, um die bekannten Schlager zu hören und um den schönen Abend unter sternenübersätem Himmel bei angenehmen Temperaturen zu genießen. Es fanden sich bald zwei Tänzer ein, die meine Eltern jeweils baten, mit uns tanzen zu dürfen. Wir galten als anständige Mädchen, weil wir nicht allein tanzen gingen, sondern jedes Mal von den Eltern begleitet wurden. Für meine Schwester und mich war es eine wundervolle Zeit mit den lauen Nächten, dem Limonenduft, der schmachtenden Musik und ein wenig Verliebtheit. So etwas erlebten wir nie wieder.

Einige Tage, nachdem wir uns in Leverkusen wieder in unserem alten Leben eingerichtet hatten, hielt in der Nachbarschaft ein Auto mit italienischem Kennzeichen.

„Mein“ italienischer Tänzer vom Gardasee

Heraus stieg „mein“ Tänzer aus Malcesine und sagte immer nur „Rosa Maria“, denn er sprach lediglich Italienisch. Die Nachbarn kombinierten schnell und holten mich herbei. Meine Verliebtheit und Träumerei vom Urlaub waren schlagartig verschwunden, die Realität hatte mich eingeholt. Der junge Mann war zwar genauso nett wie am Gardasee, aber er passte nicht so recht nach Deutschland, in mein Alltagsleben. Es tat mir sehr leid, dass er den weiten Weg vergeblich gemacht hatte, wir sind jedoch bis heute in freundschaftlicher Verbindung geblieben.

Von diesem Sommer an hatte „Bella Italia“ meine Schwester und mich verzaubert, die Landschaft, die Menschen, die Kultur und die Sprache. Wir lernten im folgenden Jahr eifrig Italienisch, damit wir uns während des nächsten Aufenthaltes in Italien wenigstens ein wenig unterhalten konnten.

Colosseum in Rom

Ein Jahr später fuhren wir beide wieder nach Italien. Geld hatten wir kaum, deshalb trampten wir. Meine Schwester saß immer vorn beim Fahrer und redete italienisch mit ihm; sie war damals sehr couragiert. Ich saß hinten mit gezückter Gaspistole für den Notfall, der aber glücklicherweise nie eintrat. Wir fuhren bis nach Neapel und Pompeji. Danach ging es weiter nach Pescara, dann nach Rom und Bologna, wo wir jeweils von Famlien für einige Tage aufgenommen wurden. Dort lernten wir unter anderem Pasta machen, außerdem konnten wir unser Italienisch verbessern. Anschließend sahen wir uns Florenz an.

Blick über Florenz

 Meine Schwester „schleppte“ mich in fast jedes Museum, in jede Kirche, sie war regelrecht süchtig nach italienischer Kultur. Mir wurde das zuviel, ich wollte danach einige Zeit lang weder eine Kirche noch ein Museum besuchen. Nur das archäologische Nationalmuseum in Neapel und die Uffizien in Florenz haben bei mir einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Florenz

Unsere Eltern wussten nichts von der Italienreise. Sie waren der Meinung, dass wir die Sommerferien bei unserer Tante und den Cousinen in Süddeutschland verbrachten, und wir klärten sie auch nie über den Irrtum auf. Wir wussten, dass wir vonseiten meines Vaters enorme Schwierigkeiten bekommen hätten, wir waren ja noch nicht volljährig.

Rom

Der Aufenthalt in Rom wurde für mich zu einem einschneidenden Erlebnis: Kurz nach unserer Ankunft in der Jugendherberge erklärte mir meine Schwester, dass sie noch einmal für ein paar Tage nach Neapel fahren wollte, sie hätte sich dort verabredet. Ich sollte in Rom bleiben und mir in der Zwischenzeit die interessante Stadt ansehen. Die drei Tage, die ich allein in Rom verbrachte, waren für mich schlimm. Ich war zwar schon siebzehn Jahre alt, aber ich fühlte mich in dem fremden Land ohne meine Schwester so schutzlos, dass ich mich nicht traute, die Jugendherberge zu verlassen. Meine drei Jahre ältere Schwester hatte von meiner Geburt an immer alles für mich mitbestimmt. In der schwierigen Nachkriegszeit war das für mich eine große Hilfe, denn in der Kindheit machen drei Jahre Altersunterschied viel aus. In Rom merkte ich jedoch, wie hilflos ich im Ausland ohne sie war,und es wurde mir klar, dass ich das ändern musste, und zwar radikal. Wenige Jahre später ergab sich für mich dazu die Möglichkeit: Ich ging nach Südamerika. Dort blieb ich ein Jahr, allein, ohne meine Schwester, und ich wurde endlich selbstständig und unabhängig.

22 Kommentare zu „Bella Italia – Sehnsuchtsland Italien

    1. Das stimmt.Du kennst bestimmt beide Länder sehr gut, liebe Olivia. In Italien war ich öfter, in Frankreich nicht so häufig. Aber zumindest habe ich in Südfrankreich während des Studiums ein zweimonatiges Praktikum gemacht, das war sehr interessant.

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  1. Was für eine berührende Geschichte. Und wie schööööööööööön, dass Du Dich in die Welt getraut hast und über Argentinien ganz zu Dir gefunden hast! Danke, dass Du das geteilt hast.

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  2. Es ist das Land mit der größten landschaftlichen Vielfalt, von den Tropen im Norden, gemäßigten Temperaturen in der Mitte, jedenfalls teilweise, wüstenähnliche Landschaft im Nordwesten, Schweizer Landschaft im südlicheren Westen bis zu Gletschern im Süden. Buenos Aires ist die europäischste Stadt mit sehr viel Kultur und Flair. Aber auch das hat sich im Laufe der Jahre erheblich geändert, leider, wie fast überall.

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    1. Der argentinische Tango ist anders als das, was wir hier in den Tanzkreisen getanzt haben, er ist ernster, trauriger. Da fließt alle Emotionen der Nachfahren der früheren Einwohner aus Italien etc. mit ein. Ich habe in Buenos Aires sehr gerne zugesehen. Vor allem tanzen Leute aus den verschiedensten Altersgruppen miteinander, jung mit alt und umgekehrt. Es geht allein um den Tanz.

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  3. Ich habe gerade auf Video Tänzer aus Argentinien angeschaut, die Tango tanzen. Es war nicht so athletisch wie der Tango, den die Turniertänzer vorführen, eher gemütlich. Vielleicht lag es auch daran, dass das tanzende Paar nicht mehr so ganz jung und schlank war. Es sah so aus, wie wenn Tante und Onkel tanzen …

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    1. Als ich damals in Buenos Aires war, tanzten Alt und Jung miteinander, nicht unbedingt athletisch, aber mit viel Gefühl und Temperament. Sie haben sich völlig der Musik und den Schritten hingegeben und alles andere ausgeblendet und immer ein ernstes Gesicht dabei gemacht. Auch bei meinem letzten Musik tanzten sie auf der Straße sehr mit sehr viel Leidenschaft, vielleicht nicht ganz so gefühlvoll wie in den 1960er Jahren. Man kann das auf keinen Fall mit dem Tango-Tanzen in Europa vergleichen.

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      1. Ja Italien mag ich schon auch , wobei ich nicht viele Ecken kenne. Die Adria , die Riviera, den Gardasee, Südtirol und Venedig. Das war es dann aber auch schon ! Toskana würde ich mir sehr gerne mal anschauen oder Kalabrien.

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  4. Schöne und besondere Erinnerungen, liebe Marie. Ich wünsche dir, dass du bald mal wieder zu uns nach Bella Italia reisen kannst, vielleicht auf den Spuren von damals?
    Das andere Klima … da hat sich in den letzten Jahren einiges verschoben, seit ich in Italien lebe. Manchmal habt ihr in Deutschland jetzt das ehemalige Italien-Wetter, bei uns sind tropische Unwetter leider oft an der Tagesordnung.
    Liebe Grüße aus der Lombardei! Anke

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    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar, liebe Anke. Ich möchte schrecklich gerne nach Italien, das letzte Mal war ich 2018 in der Toskana, vielleicht klappt es bald wieder.
      Das Wetter spielt leider auch hier verrückt, heute heiß, morgen kalt, für Kreislaufgeplagte nicht angenehm (glücklicherweise gehöre ich nicht dazu, aber eine Freundin von mir leidet immer sehr).
      Wo genau in der Lombardei wohnst Du?
      Liebe Grüße Marie

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      1. In der Nähe von Varese, im sogenannten „Varesotto“. In zehn Minuten sind wir auch an der Grenze zum Tessin. Wochenendausflüge haben wir immer an die Seen gemacht: Vareser, Maggiore, Luganer, alles ums Eck. Wir werden es wieder mehr schätzen als vor der Pandemie, als alles selbstverständlich war. Buona serata, Marie!

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  5. Das klingt sehr verlockend, dort einmal Urlaub zu machen. Am Lago Maggiore und Luganer See haben wir längere Zeit Urlaub gemacht, uns aber viel zu wenig angesehen.
    Du hast aber recht: man lernt durch die Pandemie vieles anders zu schätzen, was einem vorher selbstverständlich erschien.
    ti auguro una buona settimana, Marie

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