Cristo Redentor auf dem Corcovado in Rio de Janeiro

Bereits seit 1931, seit nunmehr 90 Jahren, breitet Cristo Redentor, Christus der Erlöser, auf dem 710 m hohen Morro do Corcovado in Rio de Janeiro seine Arme aus, um die ganze Stadt und seine Bewohner, die Cariocas, zu umarmen und zu beschützen. Tag und Nacht kann man die Christusstatue von fast allen Stadtteilen Rios aus sehen, auch vom Zuckerhut und von den vielen Inseln in der Guanabara-Bucht. Die Statue ist eine von den Neuen Sieben Weltwundern, sie ist zweifellos nicht nur die beeindruckendste Sehenswürdigkeit Brasiliens, sie gehört auch zu den berühmtesten Wahrzeichen der Welt.

Blick auf Cristo Redentor, Zuckerhut und Rio de Janeiro (Postkarte von1963)

Die Aussicht faszinierte schon Anfang des 19. Jahrhunderts Brasiliens ersten Kaiser Pedro I. und später auch seinen Sohn und Thronfolger Pedro II., der auch den Auftrag zum Bau einer Bahn zum Corcovado hinauf erteilte. Am 9. Oktober 1884 wurde das erste Teilstück zwischen dem Stadtteil Cosme Velho und Paineiras eröffnet. Ein Jahr später war die 3824 Meter lange Eisenbahnstrecke fertig. Doch erst 1931, fast 50 Jahre danach, wurde die Christusstatue vom damaligen Präsidenten eingeweiht.

Blick vom Corcovado auf Rio de Janeiro und die Guanabara-Bucht

Der Christusstatue kann niemand entgehen, das möchte auch keiner von den Einwohnern Rios. Cristo Redentor ist für die Cariocas nicht nur Orientierungspunkt im Straßendickicht der Stadt, sondern er ist für sie auch eine Art Halt in jeder Lebenslage. Es ist „ihre“ Stadt und es ist “ihre” Christusstatue. Besucher sind jedoch zu jeder Zeit überall herzlich willkommen, sofern sie sich respektvoll verhalten.

Cristo Redentor (rechts neben der Kirche) vom Zentrum Rios aus gesehen

Blick auf den „Buckligen“ (Corcovado) von unserer Wohnung

Bei meinem ersten Besuch in Rio de Janeiro in den 1960er Jahren habe ich die Erlöserstatue mehrere Male besucht, meist mit einem jungen Geschwisterpaar, das ich am Strand von Ipanema kennengelernt hatte. Oft waren wir nur zu dritt oder viert auf der Aussichtsplattform vor der Christusstatue. Einmal haben wir sogar den Sonnenaufgang oben auf dem Corcovado erlebt, ein unvergesslicher Eindruck. Wir musste dazu allerdings bereits mitten in der Nacht zu Fuß hinaufgehen, für den Weg brauchten wir  mehr als drei Stunden, teils bei völliger Dunkelheit. Dafür hatten wir ein unvergleichliches Panorama vor uns, es herrschte absolute Ruhe, dazu die besondere Kombination von Landschaft und Meer, es war Natur in vollendeter Schönheit. Ich konnte verstehen, warum mir vorher viele Rio de Janeiro als schönste Stadt der Welt angepriesen hatten. Man sagte mir, dass es dieser großartige Blick, diese Schönheit sei, die die Cariocas so gelassen machte. 

Aussicht vom Corcovado (Foto von 1963)

Jedes Jahr kommen rund zwei Millionen Besucher, die die Christusstatue besuchen wollen, in Spitzenzeiten sind es sogar vier Millionen. Die Besucher kommen nicht nur aus Rio de Janeiro selbst, sondern auch aus der ganzen Welt. Fast alle fahren mit der Zahnradbahn aus Schweizer Produktion in zwanzig Minuten die fast 4000 Meter lange Bahnstrecke hoch.  Auch Papst Johannes Paul II war im Jahr 1980 da, ebenso sein Nachfolger Benedikt XVI. im Jahr 2013.

Nachbildung der Konstruktion vor der Talstation der Zahnradbahn

Der Morro do Corcovado mit der Christusstatue auf dem Gipfel liegt inmitten des tropisch-dichten Tijuca-Nationalparks, des größten innerstädtischen Regenwaldes in einer Stadt mit einer großen Artenvielfalt hinsichtlich Flora und Fauna. Der brasilianische Künstler Antonio Carlos Jobim hat dem Granitfelsen, dem „Buckligen“, im Jahr 1960 den gleichnamigen Song „Corcovado“ gewidmet, der in den 1960er Jahren überall aus den Lautsprechern ertönte.

Blick aus der Zahnradbahn während der Auffahrt auf den Corcovado

Immer dann, wenn während der rund 20 Minuten dauernden Fahrt wieder ein spektakulärer Blick frei wird, sei es auf Flora und Fauna des Regenwaldes, auf  Copacabana, Rios Häusermeer oder die weißen Strände, hört man begeisterte Ausrufe.

Blütenpracht im Tijuca-Regenwald, in dem der Corcovado liegt

Ausblick auf Ipanema und Lagoa Rodrigo de Freitas im Süden von Rio

An manchen Tagen kommen bis zu 4000 Passagiere hinauf, erst mit der Zahnradbahn und die letzten Meter mit der Rolltreppe, die inzwischen gebaut wurde. Die Passagiere möchten nur eins, sie wollen die „Christuserlöser-Statue“ sehen.

Die 30 Meter hohe Christusstatue steht auf einem acht Meter hohen Sockel, in dem sich eine Kapelle befindet. Jeden Tag werden dort Gottesdienste zelebriert, manchmal auch Taufen und Hochzeiten.

Rückseite der Statue, im Sockel ist der Eingang zur Kapelle

Die Entwürfe der Christusstatue stammen von dem brasilianischen Bauingenieur Heitor da Silva Costa, die künstlerische Arbeit von Kopf und Händen gestaltete der polnisch-französische Bildhauer Paul Landowski. Die Spannweite der Arme beträgt 28 Meter, jede Hand allein ist 3,20 Meter lang, die Höhe des Kopfes beträgt 3,75 Meter. Die Statue besteht aus einer stabilen Stahlbetonkonstruktion, die mit einer wetterfesten Schicht aus Speckstein ummantelt ist, das Gewicht beträgt 1145 Tonnen. 50 Jahre lang, bis 1981, war sie die höchste Christusstatue der Welt.

Wieviel Gedränge auf der Aussichtsplattform des Cristo Redentor herrschen kann, haben wir bei unserem Besuch vor einigen Jahren erlebt. Wir mussten mehr als eine halbe Stunde darauf warten, einen Platz vorne an der Ballustrade zu bekommen, um die atemberaubende Rundumsicht zu genießen. Die Plattform war voller Menschen, trotz des großartigen Ausblicks war da von Spiritualität ist wenig zu spüren. Einige Besucher stellten sich sogar auf das Geländer vor dem Abgrund, um das „ultimative Selfie“ zu machen (in den vergangegen Jahren haben das nicht alle überlebt, einige sind dabei abgestürzt).  Andere Besucher hatten sich auf den Boden gelegt, um ein besseres Foto von der großen Christusstatue zu machen.

Während mehrere Dutzend von Touristen nach vorne drängten, hörten wir aus der Ferne Chorgesang, der langsam näher kam. Es war eine Gruppe von Gläubigen, die Palmwedel in den Händen hielten und im Chor sangen, während Pater Omar Raposo, der Rektor des Heiligtums die Messe hielt. Nach Meinung von Padre Omar Raposo ist das Monument, das 2006 zum Wallfahrtsort erklärt wurde, ein ganz besonderes Monument, dessen „Wände der Horizont und dessen Dach der Himmel ist“. Er ist der Auffassung, dass Cristo Redentor für Leben, Liebe und Hoffnung steht. 

Palmsonntagsmesse am Fuß der Christusstatue

Papst Johannes Paul II segnete die Stadt Rio de Janeiro zu Füßen der Christus-Statue bei seinem Besuch im Jahr 1997 mit den Worten: „Der Ort hier oben ist meine Kirche. Es ist ein gesegneter Ort“.

Blick auf Zuckerhut und Strand von Copacabana (rechts Mitte) 

Seit dem Jahr 2000 wird die Statue immer wieder renoviert und technisch verbessert. So setzt beispielsweise ein ausgeklügeltes Beleuchtungssystem den Cristo nach Anbruch der Dunkelheit in das rechte Licht. Wenn es wolkig oder neblig ist, erscheint sie als heller Lichtpunkt oben auf den Bergen.

Die beleuchtete Cristusstatue oben rechts, Copacabana in der Mitte links

Beleuchtete Christusstatue vom Pão de Açucar aus gesehen, vorne Botafogo 

Besonders in schwierigen Zeiten werden durch die Beleuchtung tröstende Botschaften vermittelt. So waren zum Beispiel in den Ostertagen 2020,  zu Beginn der Pandemie, auf der beleuchteten Christusstatue Arztkittel und Krankenschwestern zu sehen, ein anderes Mal Brotlaibe mit der Leuchtschrift “fame” (Hunger), ferner sah man die Aufschrift “máscara salva vida” (Masken retten Leben).

Beleuchtete Christusstatue vom Wasser aus gesehen

Cristo Redentor oben links

Kaum einer der unzähligen auswärtigen Besucher der Christusstatue kann sich vorstellen, welche große Bedeutung Cristo Redentor für die Cariocas hat, egal welcher Konfession sie angehören. Wenn es Schwierigkeiten gibt, welcher Art auch immer, so beten sie zu „Ave María No Morro“, (Gegrüßet seist du, Maria auf dem Berg“). Das gleichnamige Lied „Ave María No Morro“ war in den 1960er Jahren lange Zeit ein Hit.

Ich habe bei meinem ersten Besuch in Rio de Janeiro, als die Stadt noch von Leichtigkeit erfüllt war, erlebt, dass auf den Stränden von Copacabana und Ipanema Basketball oder Fußball mit typisch brasilianischem Temperament gespielt wurde und plötzlich einer der Spieler, oder auch mehrere, im Sand auf die Knie fiel, die gefalteten Hände Richtung Himmel hob und zu der Jungfrau Maria auf dem Morro betete. Als der direkte Zugang zu Cristo Redentor zu Beginn der Corona-Pandemie für fünf Monate bis August 2020 gesperrt war, taten es ihnen viele andere nach.

10 Kommentare zu „Cristo Redentor auf dem Corcovado in Rio de Janeiro

  1. Liebe Marie gerade in der jetzigen Zeit ist so wichtig und schön , dass du solche wundervollen Reiseberichte schreibst . Das bringt uns ins Träumen und wenn wir wieder reisen dürfen , hat man Lust diese zu entdecken 😊danke .
    Ich wünsche dir ein glückliches gesundes Jahr 2021 .🍀
    Liebe Grüße Mona

    Gefällt 2 Personen

    1. Ganz herzlichen Dank für Deine netten Worte. Es freut mich, wenn der Bericht Dich ein wenig ins Träumen gebracht hat.Ich wünsche Dir alles Gute für ein gesundes und glückliches Jahr 2021 mit vielen schönen Eindrücken.
      Liebe Grüße Marie

      Gefällt 1 Person

      1. Liebe Marie , deine Reiseberichte sind einfach wunderbar , du hast die Gabe einen mitzunehmen .😊leider habe ich deine email erst jetzt gesehen war leider im Spam Ordner . Daher sende ich dir mal unkompliziert und kurz meine Arbeit 😄www.Beauty-Stones.de
        Liebe Grüße Mona

        Gefällt 1 Person

    1. Liebe Maria, ganz lieben Dank für Deinen Kommentar. Die Christusstatue auf dem Granitfelsen gibt den Cariocas – und nicht nur ihnen – das Gefühl, zu jeder Zeit beschützt zu sein. Die außergewöhnliche Lage hoch oben über allem verstärkt dieses Gefühl. Für mich ist Cristo Redentor wirklich ein echtes Weltwunder. Liebe Grüße Marie

      Gefällt 1 Person

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