Eine deutsch-französische Freundschaft

Es ist zwar schon sehr lange her, aber es kommt mir so vor, als ob es erst gestern gewesen wäre. Als ich 17 Jahre alt war, musste ich an der obligatorischen jährlichen Klassenfahrt teilnehmen. Unser Ziel war Trier, die einzige römische Kaiserresidenz nördlich der Alpen, dort sollten wir eine ganze Woche verbringen. Wir waren in der Jugendherberge von Trier untergebracht, jeweils sechs Mädchen in einem kleinen Zimmer mit Stockbetten.

Als uns unsere Klassenlehrerin die Zimmer zugewiesen hatte, verabschiedete sie sich von uns mit der Mitteilung, dass sie für ein paar Tage zu ihrer Nichte nach Saarbrücken fahren wolle. Sie gab uns noch etliche schriftliche Aufgaben zur römischen Geschichte Triers, die wir während ihrer Abwesenheit erledigen sollten, und ermahnte uns dann, „schön brav zu sein und gut achtzugeben“, was immer sie damit meinte. Als letztes fügte sie hinzu, dass sie rechtzeitig zur Rückfahrt wieder in Trier wäre und dann mit uns gemeinsam zurückfahren wolle.

Das war eine unglaubliche und unverzeihliche Pflichtverletzung vonseiten unserer Lehrerin, wenn es bekannt geworden wäre, hätte sie enorme Schwierigkeiten vonseiten der Schulaufsichtsbehörde bekommen. Es beschwerte sich jedoch niemand von uns, weder bei den Eltern noch bei den Behörden. Die meisten Mädchen waren froh, endlich unbeobachtet tun und lassen zu können, was sie wollten. Zu der damaligen Zeit war das Leben der meisten noch sehr reglementiert, und die Lehrer konnten sich wie „kleine Könige“ verhalten, denen niemand etwas anhaben konnte.

Da die ganze Woche über herrliches, warmes Sommerwetter war, verbrachten wir jeden Tag im öffentlichen Schwimmbad von Trier. Zu der damaligen Zeit gab es in der Stadt eine französische Kaserne, in der viele junge Franzosen ihren Pflichtdienst beim Militär absolvieren mussten. Sie verbrachten ihre Freizeit nachmittags ebenfalls in dem Schwimmbad, und deshalb waren die weitflächigen Liegewiesen in der Nähe des Schwimmbeckens meistens voll belegt. Etliche meiner Klassenkameradinnen waren nicht wiederzuerkennen, sie schienen „außer Rand und Band“ zu sein, jeder Aufsicht von den Eltern entronnen. Sie hatten sich schnell mit den jungen Franzosen angefreundet und amüsierten sich teils lautstark auf den Wiesen und im Wasser des Schwimmbads. Abends erzählten sie dann oft bis in die Nacht hinein von ihren „Abenteuern“.

Für mich war es nicht angenehm, eine Woche lang mit fünf anderen Mädchen auf engstem Raum zusammenzusein. Bei mir zu Hause hatte ich erst seit einem Jahr ein eigenes kleines Zimmer für mich, die ersten sechszehn Jahre meines Lebens hatte ich immer mit meinen beiden älteren Geschwistern ein Zimmer teilen müssen. Um in Trier wenigstens tagsüber etwas Ruhe zu haben, zog ich mich mit einem Buch im Schwimmbad in den hintersten Teil der Liegewiesen zurück. Dort war kaum jemand, und ich konnte ungestört lesen und mich dabei in ferne Länder und fremde Kulturen hinwegträumen. Irgendwann merkte ich, dass ich nicht die einzige war, die sich zurückgezogen hatte. In einiger Entfernung saß ein junger Mann mit einem Skizzenblock, in dem er meist zeichnete, nur gelegentlich sah er hoch. Wir kamen wir ins Gespräch, und so erfuhr ich, dass er Künstler war und dass er gerade seinen obligatorischen Militärdienst in Trier absolvieren musste. Ihn belastete die Atmosphäre in der Kaserne sehr, die unzivilisierte Art seiner Vorgesetzten und die groben Späßen seiner Zimmergenossen gefielen ihm nicht, deshalb genoss er die Ruhe im hintersten Teil des Schwimmbads.

Mir gefiel seine ruhige, sensible Art, die das genaue Gegenteil von dem war, was ich von meinem Vater gewohnt war. Wenn André und ich uns unterhielten, war es so, als ob wir uns schon ewig lange kennen würden, es war wie eine Art „Seelenverwandtschaft“. Wir konnten über alles sprechen, er war der erste, der mir richtig zuhörte und auf mich einging, mich wirklich ernst nahm. Er selbst erzählte mir viel von seiner Arbeit und von seinen Plänen. Für mich war zu der Zeit Französisch die schönste Sprache der Welt.

Auch nach Ende der Klassenfahrt blieben wir in Kontakt, auch wenn es wesentlich mühseliger war und  länger dauerte. Es gab noch kein Internet, und telefonieren war extrem teuer. Als André seinen Militärdienst beendet hatte und wieder nach Toulouse zurückgekehrt war, wurde es schwieriger. Wir schrieben uns Briefe und besuchten uns gegenseitig, durch die große Entfernung war es allerding sehr selten. Er kam dann mit seinem alten 2 CV den weiten Weg bis nach Köln, wo er bei dem Bruder einer Freundin übernachten konnte.

Wir gingen in verschiedene Museen und in die kleinen Jazz-Keller, die es zu der damaligen Zeit noch gab und in denen ich gelegentlich mit meiner kleinen Jazzband auftrat.

Am Piano in einem kleinen Jazz-Lokal in Köln

Wir unterhielten uns immer über alles mögliche, konnten aber auch über vieles lachen.

Einmal brachte André mir ein Bild mit, das er von mir auf der Basis von zwei übereinander gelegten Fotos gemalt hatte. Auf dem Bild war ich kaum wiederzuerkennen, denn es war ziemlich abstrakt gemalt. Aber mir gefiel es, und ich hängte es in meinem kleinen Zimmer auf.

Ein bis zwei Male im Jahr besuchte ich André in Toulouse im Südwesten Frankreichs. Ich fuhr immer mit dem Zug, es war eine endlos lange Fahrt, da es noch nicht die Hochgeschwindigkeitszüge gab. In Toulouse übernachtete ich stets bei seiner Cousine, die ebenfalls Künstlerin war und mit der ich mich gut verstand. André zeigte mir dort seine Werke, und wir besuchten auch öfter das Atelier, das er sich mit zwei anderen Künstlern teilte.

André bei seiner Lieblingsbeschäftigung in Toulouse

Auch in Toulouse gingen wir in viele Museen, und André erklärte mir dabei die verschiedenen Kunstrichtungen. Ich hatte mich bisher mit dieser Art Kunst nicht viel beschäftigt, aber ich fand es trotzdem interessant, es war eine völlig neue, andere Welt für mich. André hatte noch so viele Pläne, von denen er mir erzählte, er wollte Neues schaffen…. Er wirkte so begeistert, wenn er davon sprach.

Es war eine wunderbare Freundschaft, ohne besondere Erwartungen oder gar Forderungen. Sie dauerte fast vier Jahre lange, bis ich volljährig wurde – das war man früher erst mit 21 Jahren – und für längere Zeit nach Südamerika ging. Ich wollte André von dort aus meine neue Adresse mitteilen, denn ich wusste noch nicht, wo ich in Argentinien unterkommen würde. Ich schrieb ihm aus Buenos Aires zwar einen Brief, später noch einen, bekam aber nie eine Antwort. Das machte mich etwas traurig, denn die Freundschaft bedeutete mir viel.

Als ich nach einem Jahr aus Südamerika zurückkam und noch immer nichts von André gehört hatte, dachte ich, dass er die Freundschaft beendet hätte. Erst vor einigen Jahren, nach dem Tod meines Vaters, bekam ich einen alten Schuhkarton ausgehändigt mit Briefen und Karten, die alle an mich gerichtet waren. Mein Vater hatte darin alle Post für mich eingesammelt, die ich sogar später nie zu Gesicht bekommen hatte. In dem Schukarton waren auch drei Briefe von André aus Frankreich, er war damals kurz nach meiner Abfahrt umgezogen und hatte aus diesem Grund meine Briefe aus Südamerika nicht bekommen, deshalb hatte er seine Briefe an meine deutsche Adresse geschickt. André schien enttäuscht, dass er von mir nichts mehr gehört hatte, ihm war die Freundschaft offensichtlich genau so wichtig wie mir.

Vor einiger Zeit erfuhr ich, dass André nicht mehr lebt,  er wurde vor vielen Jahren Opfer eines Unglücks, an dem er keine Schuld hatte. Er hatte sich jedoch damals seinen Traum erfüllen können und ihn auch einige Zeit gelebt, denn er hatte sich ein altes Bauernhaus in der Nähe von Toulouse gekauft, an das er ein großes, helles Studio angebaut hatte.

11 Kommentare zu „Eine deutsch-französische Freundschaft

  1. Marie, quedé profundamente conmovido con esta historia tan hermosa y triste, a la vez. Me dolió tanto cuando leí que perdieron comunicación y que, posteriormente, tuviste oportunidad de leer las cartas que te envió a tu domicilio y que tu padre guardó. Lamento su muerte. Tengo la certeza de que siempre te recordó con mucho cariño. Gracias por compartir algo tan hermoso.

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    1. Muchas gracias por tus palabras muy empáticas. Yo también lamento mucho la muerte temprana de André. Por lo menos tuvimos casi cuatro años buenos de comprensión mutua. Tuve la suerte de encontrar más tarde a un hombre (mi marido) que tiene la misma sensibilidad como André.

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  2. Liebe Marie, ich habe beim Lesen von diesem Beitrag Gänsehaut bekommen. Danke das du dieses Erlebnis mit uns Lesern geteilt hast. Es braucht auch keine weiteren Worte, denn es ist nicht Rückgängig zu machen. Aber gut das du erfahren hast, dass er sich mit dem Atelier sein Traum erfüllen konnte. Schrecklich für dein Vater das er die Freunde, dass dir ein Freund aus der Ferne geschrieben hat, nicht mit dir teilen konnte. Liebe Grüße Maria

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    1. Liebe Maria, vielen Dank für Deine einfühlsamen Worte. Immerhin habe ich eine 4 Jahre lange schöne Freundschaft erfahren, die mir auch in der damals nicht sehr leichten Zeit in Schule und Elternhaus geholfen hat. Ich bin froh, dass André sich seinen Traum erfüllen konnte und ihn noch eine Zeitlang gelebt hat.
      Liebe Grüße Marie

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    2. Liebe Maria, vielen Dank für Deinen einfühlsamen Kommentar. Es war für mich ein gewisser Trost zu erfahren, dass sich André seinen Traum von einem eigenen Atelier erfüllt hat und dort noch etliche Jahre malen konnte. Liebe Grüße Marie

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  3. Liebe Mona,
    diese Freundschaft hat mir damals in der nicht ganz leichten Zeit in Schule und Elternhaus sehr geholfen. Das Wissen, dass jemand da ist, mit dem ich alles bereden konnte, war tröstlich.
    Ich habe auch gelegentlich überlegt, was geworden wäre, wenn der Kontakt nicht abgebrochen wäre. Mein Mann ist zwar kein Künstler, aber er ist genauso sensibel, sonst wäre es nicht so lange gut gegangen.
    Liebe Grüße Marie

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  4. Liebe Marie, bin durch Zufall auf deine Seite gestoßen und was bin ich froh. Deine Geschichte ist so ergreifen, so schön und traurig zugleich. Sie zeigt, wie unplanbar unser Leben ist. Ich finde schön, dass du dennoch erfahren konntest, was mit den Briefen passiert ist. Wünsche dir alles Liebe!

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    1. Liebe Mira, über Deinen netten Kommentar habe ich mich sehr gefreut. Das Leben ist wirklich unplanbar, ich bin aber auf jeden Fall dankbar für die fast vier Jahre lange Freundschaft, und ich bin froh, dass ich noch erfahren habe, wie es wirklich war. Alles Gute und liebe Grüße Marie

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  5. Vielen Dank, dass Sie diese sehr persönliche Geschichte erzählt haben, Marie. Es ist herzzerreißend, dass Sie die letzten Briefe Ihres Freundes nie erhalten haben. Es klingt, als wäre dein Vater meinem sehr ähnlich. Mein Vater hatte ernsthafte Wutprobleme, als wir Kinder waren. Er kontrollierte am meisten. Aber Sie können die Erinnerungen an diese Freundschaft für immer bewahren.

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    1. Liebe Anna, es tut mir sehr leid, dass Du auch solch negativen Erfahrungen mit Deinem Vater gemacht hast. So etwas prägt die Kindheit und Jugend. Es wäre schön, wenn alle Väter nur liebevoll mit ihren Kindern umgehen würden, aber das ist leider nicht immer so.
      Auf jeden Fall bin ich dankbar, dass ich solch eine schöne Freundschaft erleben konnte, das hat mir damals auch sehr geholfen. Die Erinnerungen bleiben.
      Liebe Grüße Marie

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