Shwedagon Pagode – „goldenes Herz von Myanmar“

„Und dann erhob sich ein goldenes Mysterium am Horizont, ein leuchtendes, glänzendes Wunder, das in der Sonne erstrahlte“, so schrieb der englische Literaturnobelpreisträger Rudyard Kipling im Jahr 1898 in seinen „Letters from the East“, als er die Shwedagon Pagode das erste Mal erblickte. „Es hatte weder die Halbkugelform moslemischer noch die Turmform hinduistischer Tempelbauten. Es stand auf einem grünen Hügel. ´Das ist die alte Shway Dagon‘, sagte mein Gefährte, ‚dies ist Burma – und es wird wie kein anderes Land sein, das du kennst‘“.

Shwedagon Pagode tagsüber

Auch andere Schriftsteller haben die goldene Shwedagon-Pagode in ihren Werken beschrieben, darunter W. Somerset Maugham in „The Gentleman in the Parlour“ im Jahr 1930: „Herrlich erhob sich die Shwe Dagon, leuchtend in ihrem Gold, wie eine plötzliche Hoffnung in der Seele dunkler Nacht, von der uns die Mystiker berichten, strahlend über dem Rauch und Nebel der blühenden Stadt“.

Eintrittskarte für den Besuch der Shwedagon Pagode im Jahr 2009

Eine Legende besagt, dass die beiden Brüder Taphussa and Bhallika, Händler aus dem Staat Ramayana, Indien, die ersten beiden Schüler Buddha Gautamas waren, der ihnen acht seiner Kopfhaare schenkte. Die Brüder zogen daraufhin nach Burma und bauten mit Hilfe des Königs Okkalapa auf dem Singuttara-Berg eine zehn Meter hohe Pagode, in der die acht Haare in einer goldenen Schatulle eingemauert werden sollten.

In einer anderen Legende heißt es, dass die Shwedagon Pagode bereits vor dem Tod des ersten und bekanntesten Buddha Siddhartha Gautama, also vor etwa 2500 Jahren erbaut wurde. Archäologen sind jedoch heute der Auffassung, dass die Pagode wahrscheinlich zwischen dem 6. und dem 10. Jahrhundert entstanden ist. Sicher ist wohl, dass die ersten Berichte, die den Archäologen bekannt sind, vom Ende des 14. Jahrhunderts stammen. Damals soll der herrschende Mon-König Binnya U von Pegu die Pagode wiedererrichtet haben. Sie wurde dann immer wieder erweitert und verziert. Sie wurde oft auch Opfer schwerer Erdbeben, so auch 1768, als die Spitze der Stupa einstürzte, die erst im Jahr 1871 wieder erneuert wurde.

Um zu der Plattform auf dem Berg zu gelangen, auf der die Shwedagon-Pagode ruht, kann man einen von vier verschiedenen Aufgänge benutzen, die genau nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet sind. Es lohnt sich, schon beim Aufstieg auf die schönen Schnitzereien und die Goldstützen zu achten.

Südaufgang zur Shwedagon Pagode

Das wahre Ausmaß der Shwedagon Pagode zeigt sich dann beim direkten Blick auf die Pagode, die mit massiven Goldplatten umkleidet ist. Ein großer Teil des Goldes wurde von den Gläubigen gespendet.

Oben gelangt man auf die schöne, mit Marmor gepflasterte Plattform, die fast 60.000 Quadratmeter groß ist. Sie hat eine Länge von 275 Meter und eine Breite von gut 200 Meter. In der Mitte steht der große Hauptstupa von rund 100 Meter Höhe, ringsherum sieht man reich geschmückte Schreine, Gebetshallen und Pavillons mit Buddhastatuen, außerdem kann man noch vier größere und 64 kleinere Stupa bewundern, die auf der großen Fläche verteilt sind. Die Basis des großen Hauptstupas ist achteckig, der Umfang des Stupa beträgt 433 m.

 

Durch die massiven Goldplatten, die sie umkleiden, ist die Shwedagon Pagode weithin glänzend sichtbar („Shwe“ bedeutet Gold, den Namen findet man oft in Myanmar, „Dagon“ ist der alte Name von Yangon). Die Pagode ist mit 5448 Diamanten und mehr als 2300 sonstigen Edelsteinen, Rubinen , Topasen, Smaragden und Saphiren geschmückt und außerdem mit Aberhunderten goldener und silbernen Glöckchen behangen, die beim leisesten Windhauch bimmeln.

Der „Hti“, der etwa zehn Meter hohe architektonische Schirm der Shwedagon Pagode, bildet die Spitze der Stupa und ähnelt der Krone birmanischer Könige. An der Spitze sind 4.351 Diamanten und andere Edelsteine befestigt, allein auf der Wetterfahne befinden sich 1100 Diamanten.

Im Laufe der Jahre habe ich viele großartige Heiligtümer der unterschiedlichen Religionen gesehen, sowohl christliche als auch jüdische, muslimische oder hinduistische, aber keines von ihnen ist vergleichbar mit dem einzigartigen Ensemble der Shwedagon Pagode zusammen mit der Vielfalt an burmesischem Leben rings um den großen Stupa.

Die Faszination geht nicht nur von der Shwedagon Pagode als architektonischem Meisterwerk aus, sondern auch von den vielen zutiefst gläubigen Burmesen, die eine große Gelassenheit und auch Heiterkeit ausstrahlen.

Buddhistische Nonne bei der Andacht

Die Familie wollte gerne fotografiert werden

Die Einheimischen kommen immer zur Shwedagon Pagode, wenn sie es irgendwie ermöglichen können. Dafür nehmen sie teilweise lange Reisen auf sich. Sie kommen in Zeiten der Not oder um Zwiesprache mit Buddha zu halten und den Rat der Mönche zu holen. Die Mönchsgemeinschaft hat traditionell viele gesellschaftliche Funktionen und ist die wichtigste moralische Institution im Land.

Die Burmesen kommen auch gerne hierher, um sich zu unterhalten, zu essen und Zeit miteinander zu verbringen. Man passt sich als Besucher automatisch dem gemächlichen Tempo an und kann völlig abschalten.

Es sind nicht nur die architektonischen und kunsthandwerklichen Kostbarkeiten, die den Besuch der Shwedagon-Pagode für mich immer wieder zu einem Ereignis machen, sondern  der Alltag der buddhistischen Glaubenswelt trägt genauso dazu bei. Die sich hingebungsvoll ihren Ritualen widmenden Gläubigen vermitteln tiefe Einblicke in das Wesen des buddhistischen Glaubens.

Die Handhaltungen von Buddha haben immer eine symbolische Bedeutung. Diese Handhaltung der Erdberührung bedeutet, dass Buddha die Erdgöttin zur Zeugin anruft, um zu zeigen, dass er so viel Tugend besitzt, um die Buddhaschaft hier auf der Erde zu erlangen.

Es ist immer wieder faszinierend, den Gläubigen zuzusehen, während sie ihre Rituale vollziehen, wie sie Blumen, Kerzen, Räucherstäbchen und Wasser opfern.

Scharen von Frauen fegen jeden Tag den Marmorboden für ein besseres Karma im nächsten Leben. Auch Männer und Kinder beteiligen sich öfter daran.

Kinder üben das Fegen des Marmorbodens

Die Shwedagon Pagode ist für mich das beeindruckendste Heiligtum, das ich je gesehen habe. Mehr als ein Dutzend Male habe ich sie besucht und bin immer wieder aufs neue fasziniert und entdecke ständig Neues. Der erhabene, aber doch zierlich wirkende Stupa, die vielen kleinen Tempel, Pagoden, Nischen mit Buddha-Figuren, die kunstvollen Holzschnitzereien sowie die tiefgläubigen Menschen, die entweder in Andacht versunken sind oder auf der großen Terrasse mit dem sonnenwarmen Marmorboden in Ruhe wandeln, lassen wohl keinen Besucher unberührt.

Besonders abends kann man sich der Magie des weitläufigen Heiligtums kaum entziehen. Es sind unvergessliche Eindrücke, wenn man sieht, wie „das Meer aus Gold“ in den letzten Sonnenstrahlen leuchtet und das Licht dann allmählich immer mehr weicht.

Gläubige vor der Shwedagon-Pagode abends

Durch die Einwirkungen von Wind und Wetter müssen an der großen Stupa regelmäßig Renovierungsarbeiten durchgeführt werden. Wir haben alle drei Phasen der Arbeiten erlebt.

Stupa ohne die  Goldplatten, mit denen er normalerweise umkleidet ist

Der Stupa vorläufig mit einer Art Pappe versehen

Der fertige Stupa wieder mit Goldplatten bekleidet

Auch für die birmanische Freiheitsbewegung ist die Shwedagon Pagode eine wichtiger Ort. Den ersten anti-britischen Streik planten Studenten 1920 auf der Plattform der Shwedagon Pagode. Aung San Suu Kyi, die Tochter des einstigen Freiheitskämpfers Bogyoke Aung San, hielt hier 1988 ihre erste Rede.

Südaufgang zur Shwedagon Pagode abends

Für die zutiefst religiösen, freundlichen Menschen hat die Shwedagon Pagode eine enorme Bedeutung, die man sich in anderen Ländern kaum vorstellen kann. Sie ist das „goldene Herz von Myanmar“, wenn die Burmesen „ihre“ Shwedagon Pagode nur noch eingeschränkt besuchen können oder nur von weitem sehen dürfen, könnte dies das „Herz aus dem Takt bringen“. Es ist für uns sehr traurig zu erleben, dass die Liberalisierung und Befreiung von der fast fünfzig Jahre dauernden Herrschaft des Militärs gerade einmal zehn Jahre her ist und dass jetzt bereits wieder die Gefahr einer erneuten Militärdiktatur droht. Ein junger Mann sagte, dass er sich vorkommt „wie ein Vogel, der gerade das Fliegen gelernt hat und dem man jetzt die Flügel stutzt“.

Die von weitem sichtbare Shwedagon-Pagode abends

Die Menschen in Myanmar sind mir wichtig geworden, seit ich sie zum ersten Mal 1998 auf dem Gelände der Shwedagon Pagode kennengelernt habe. Seit 2009 engagieren mein Mann und ich uns in der Myanmar-Kinderhilfe. Wir hatten damals den Gründer der Hilfsorgansation in Yangon kennengelernt und haben uns mehrfach vor Ort immer wieder von der Effektivität der Organisation, die 2017 in die Myanmar-Kinderhilfe-Stiftung überging, überzeugen können. Darüber habe ich in folgendem Beitrag berichtet:

https://seniorenumdiewelt.wordpress.com/2019/04/12/waisenhaeuser-in-myanmar/

Rudyard Kipling schrieb 1898: „…dies ist Burma – und es wird wie kein anderes Land sein, das du kennst“. Ich bin derselben Meinung, auch ich kenne kein anderes Land, das so ist wie Burma. Bei „Travelslam“ möchte ich am 1. Juli 2021 in Köln einen kleinen Eindruck von dem einzigartigen Land vermitteln, da es zunehmend schwieriger wird, sich selbst ein Bild vor Ort zu machen.

18 Kommentare zu „Shwedagon Pagode – „goldenes Herz von Myanmar“

  1. Liebe Marie, vor ein paar Wochen schaute ich mir ein Spielfilm in der Mediathek im Fernsehen an. Dämmerung über Burma- was nach einer wahren Begebenheit gedreht wurde. Dein Beitrag passt im Moment zu meiner Lektüre. Es ist ein Land, welches die Shwedagon-Pagode reich geschmückt wird. Mit den Bodenschätzen des Landes. Ich denke auch, wenn ich diesen Prunk dieser Heiligen Städte sehen würde…dann würde es mich überwältigen. Aber für die Einheimischen wird leider so wenig gemacht. Das stimmt mich traurig. Liebe Grüße Maria

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    1. Liebe Maria,
      vielen Dank für Deine netten Worte. Das große Areal der Shwedagon Pagode, die vielen kleineren Heiligtümer und die ungewöhnlich freundlichen Menschen würden bestimmt auch Dich überwältigen, bei mir war es bereits beim ersten Besuch so.
      Es wird den Menschen immer schwerer gemacht, die Shwedagon Pagode zu besuchen, weil im Stadtzentrum von Yangon die Wohnungen nicht mehr bezahlbar sind, sie wurden von – meist ausländischen – Inverstoren aufgekauft. Von den Randgebieten Yangons aus ist es sehr schwierig, mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt zu kommen. Auch von den reichen Bodenschätzen haben die „normalen“ Einheimischen nichts. Sie wurden oft enteignet und vertrieben, die Bodenschätze werden jetzt in großem Stil von ausländischen Firmen (China, Russland u.a.) abgebaut, das Geld fließt zum Teil in die Taschen der Militärjunta.
      Ich erfahre vieles aus dem Land direkt, was ich höre, macht sehr traurig.
      Liebe Grüße Marie

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      1. Liebe Marie, solche Orte wie die Shwedagon Pagode sind magisch und ich habe mehrfach gehört das die Einheimischen sehr höfliche Menschen sind. Ja, genau sogar ungewöhnlich freundlich. Meine Bekannte hatte im Taxi ihre Handtasche liegen lassen mit Pass und Geld darin. Innerhalb einer Stunde hatte sie alles wieder. Sie kann das Land auch nicht vergessen. Danke dir für das teilen deiner Reiseerfahrung. Ich bin mir sicher das es ein Erlebnis wäre diesen Ort mit dir zu bereisen. Liebe Grüße Maria

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      2. Liebe Maria, herzlichen Dank für Deine Worte. Es freut mich sehr, dass Deine Bekannte solch positive Erlebnisse hatte und dass sie schöne Eindrücke von dem Land behalten hat. Auch für mich wäre es ein Erlebnis, mit Dir dorthin zu reisen und Dir dort Besonderes zu zeigen, hoffentlich ist es in absehbarer Zeit wieder möglich.

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    1. Vielen Dank, die Shwedagon Pagode mit dem großen Areal ist wirklich ein ganz besonderer Ort, und ich hoffe, davon ein wenig gezeigt zu haben, weil man sich das sonst nicht vorstellen kann.

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  2. Liebe Marie,
    so eng, wie Du mit Myanmar verbunden ist, ist es nachvollziehbar, wie besorgt Du auf dieses Land und die jüngsten Ereignisse blickst. Hoffen wie also alle, dass der junge Vogel weiter fliegen kann und wird.

    Im Übrigen hast Du wieder eine tolle Bildauswahl getroffen und uns einen tiefen Einblick in Deine Reiseerfahrungen gegeben. Vielen Dank dafür.

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    1. Lieber Bengt,
      über Deinen netten Kommentar habe ich mich sehr gefreut. Es ist richtig, dass mir das Land und die Menschen sehr am Herzen liegen, und ich hoffe sehr, dass es bald Hoffnung gibt und dass der junge Vogel wieder fliegen kann
      Liebe Grüße Marie

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  3. Estimada Marie, con tu estilo tan bello y elegante de escribir y relatar los sitios que visitas, textos acompañados de hermosas fotografías, haces favor de llevarnos a esos sitios mágicos y prodigiosos, como es el caso de la Pagoda Shwedagon. Me encantó. Es impresionante, en verdad, todo lo que es y representa. Recibe saludos con la amistad, el cariño y el respeto de siempre.

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    1. Te agradezco mucho por tus amables palabras, Santiago, significan mucho para mí. Estoy feliz de que las fotografías y el texto de la grandiosa Pagoda Shwedagon te den una impresión del santuario extraordinario y de los residentes tan simpáticos. Te saludo con sincera amistad desde Alemania, Marie

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  4. Sehr schöne Fotos. Ich war zum letzten Mal 2013 in Burma. Habe auch ein Buch darüber geschrieben, u. a. über meine Begegnung mit Aung San Suu Kye 1996. „Unterwegs am Mekong“ ist eine Reiseerzählung über Indochina.
    LG
    Sabine

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  5. Hat dies auf Ned Hamson's Second Line View of the News rebloggt und kommentierte:

    The people of Myanmar have become important to me since I first met them in 1998 on the grounds of the Shwedagon Pagoda. My husband and I have been involved in Myanmar Children’s Aid since 2009. At that time we got to know the founder of the aid organization in Yangon and were able to convince ourselves several times on site of the effectiveness of the organization, which was transferred to the Myanmar Children’s Aid Foundation in 2017. I reported on this in the following article: https://seniorenumdiewelt.wordpress.com/2019/04/12/waisenhaeuser-in-myanmar/

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