Sehnsuchtsland Myanmar

Kaum ein anderes Land ist von so vielen Geheimnissen umgeben wie das „Land der goldenen Pagoden“. Es gilt noch immer als Sehnsuchtsland, das von einer jahrtausendalten buddhistischen Kultur, traditioneller Lebensweise und einer einzigartigen Gastfreundschaft geprägt ist. Schon bei meinem ersten Besuch hatte mich Myanmar in seinen Bann gezogen und seither nicht mehr losgelassen.

Wer einmal in Myanmar war, möchte immer wiederkehren. Auch mein Mann war inzwischen genauso fasziniert von dem Land und seinen Menschen wie ich. Als wir bei unserem dritten Besuch nach Mandalay flogen und unter uns die ersten goldenen Pagoden in der Sonne aufblitzen sahen, war es fast wie ein „nach Hause kommen“. Wir freuten uns nicht nur auf die schöne Landschaft und die beeindruckende Kultur, sondern auch auf die Begegnungen mit den liebenswürdigen Menschen.

Erster Blick aus dem Flugzeugfenster auf goldene Pagoden

Schon beim Landeanflug sahen wir, dass ein großer Teil der Felder überflutet war. Es hatte zuvor heftig geregnet, außerdem war die Regenzeit noch nicht ganz vorbei.

Auch in den Vororten standen große Pfützen auf den Straßen und erschwerten ein Vorwärtskommen sowohl für die Menschen als auch für die Fahrzeuge jeder Art.

„Straße“ vor unserer Unterkunft

Vor unserem Quartier wartete ein Fahrradrikschafahrer auf potentielle Kunden, und wir baten ihn, uns für die nächsten Tage mit seinem Gefährt zur Verfügung zu stehen. Ein Taxi wäre wesentlich bequemer gewesen, aber wir wollte ihm wenigstens kurzfristig eine Verdienstmöglichkeit geben, er hatte eine verkrüppelte Hand – durch eine Landmine, erzählte er. Schon am nächsten Tag nahmen wir seine Dienste in Anspruch, er sollte uns an das Ufer des Ayeyarvady fahren, wo wir mit einem Boot flussaufwärts nach Mingun fahren wollten.

Begegnung mit einer anderen Fahrradrikscha

Am Fähranleger des Ayeyarvady in Mandalay warteten Dutzende von kleinen und größeren Booten, die sowohl Passagiere als auch Tiere und Material transportieren sollten.

Zusammen mit einem französichen Paar, das ebenfalls nach Mingun wollte,  mieteten wir uns ein kleines Boot, das allerdings keinen besonders vertrauenswürdigen Eindruck machte, aber ein anderes Boot war zu der Zeit nicht zu bekommen.

Unser Boot für die Fahrt auf dem Ayeyarvady flussaufwärts

Unser Boot nähert sich der Mingun-Pagode

Als das Boot in dem kleinen Dorf Mingun anlegte, bot uns ein junger Mann seine Dienste als Reiseführer an. Er sagte, dass er Student wäre und für das Studium Geld benötigte. Deshalb ließen wir uns von ihm das Wichtigste zeigen und erklären, und das war weitaus mehr, als man aus Reiseführern erfährt. So erzählte er unter anderem, dass die Mingun-Pagode eigentlich mit geplanten 152 Metern die größte Pagode der Welt werden sollte, doch die damals eingesetzten Zwangsarbeiter stellten sofort die Arbeit nach dem Tod von König Bodawpaya 1819 ein. Ein späteres Erdbeben verursachte gravierende Risse in der 50 m hohen „Unfinished Pagoda“, dem „größten Ziegelhaufen der Welt“. 

Eingang zum kleinen Raum im Sockel der Pagode, links ein Erdbebenriss

Der junge Mann begleitete uns bis auf die Mingun-Pagode hinauf. Es war eine mühsamer Aufstieg, denn es gab keine Treppen oder einen richtigen Weg hinauf. Aber der schöne Ausblick entschädigte für die Mühe.

Mühsamer Aufstieg durch einen der Erdbebenrisse

Ausblick auf den Ayeyarvady und die Umgebung

Die Mingun-Glocke ist die größte noch funktionnierende Glocke, nach einer Glocke in Moskau die ist sie die zweitgrößte Glocke der Welt. Die knapp 90 Tonnen schwere Glocke wurde Ende des 19. Jahrhunderts von König Bodawpaya in Auftrag gegeben und sollte ihren endgültigen Platz in der Mingun-Pagode finden. Gegossen wurde sie bereits im Jahr 1808. Zur Zeit hängt sie in einem kleinen Pavillion in der Nähe der Pagode.

Unser selbst ernannter Reiseführer vor der 90 Tonnen schweren Glocke

Kinder am Fuß der Glocke

Ganz in der Nähe der Pagode sahen wir uns auch die weiße Hsinbyume-Pagode an. Aufgrund ihrer seltenen Optik und ihrer beeindruckenden Symmetrie ist sie ein beliebtes Ziel in der Nähe von Mandalay. Die weiße Pagode steht für den buddhistischen Weltenberg Meru, das Zentrum des Universums, und hat für die Buddhisten deshalb eine große Bedeutung. Die wellenförmigen Terrassen stellen die sieben Weltmeere dar.

Als wir uns der Pagode näherten, hörten wir plötzlich leises Miauen. Fünf winzige Katzenbabies lagen an die Katzenmutter gekuschelt in einer Nische am Fuß der Hisinbyume-Pagode.

Bevor wir wieder mit unserem Boot auf dem Ayeyarvady nach Mandalay zurückfuhren, sahen wir uns das Leben am Ufer des Flusses an, das vom Ayeyarvady – früher Irrawady – geprägt wird. Der Ayeyarvady durchfließt auf einer Länge von 2.170 Kilometern fast das ganze Land und ist zentraler Verkehrsweg, Lebensader und auch Kulturstifter zugleich.

Für den nächsten Tag hatten wir mit dem Leiter des Jungenwaisenhauses der Myanmar-Kinderhilfe in Mandalay einen Termin vereinbart, wir wollten wie schon im Vorjahr dort einen Besuch machen. Als wir unsere Spende übergeben hatten, bekamen wir wieder eine reguläre Quittung darüber in Anwesenheit des Abts.

Quittierung unserer Spende in Gegenwart des Abts

Es waren gerade Ferien, daher waren die Unterrichtsräume leer, nur einige Schulbücher und andere Materialien lagen auf den Tischen.

 Unterrichtsraum im Waisenhaus in Mandalay

Unterrichtsmaterial in Englisch

Nur zwei fünfjährige Jungen hielten sich noch in der Nähe der Schulräume auf. Sie waren erst vor kurzem in das Waisenhaus gekommen, nachdem sie ihre Eltern bei Grenzgfechten verloren hatten. Beide waren noch sehr scheu und hielten sich immer in der Nähe des Direktors des Waisenhaus, der ihnen das nötige Vertrauen vermittelte.

Einer der beiden „Neuzugänge“

In der Anlage war alles extrem einfach gehalten, aber für die Waisenkinder ist es ein großes Glück, wenn sie in einem der Waisenhäuser unterkommen können. Sie haben dort ein festes Dach über dem Kopf, etwas zu essen und vor allem bekommen sie eine Schulbildung, mit deren Abschluss sie sogar studieren können. Einige der ehemaligen Schüler haben das bereits gezeigt und sind auch im Ausland tätig.

Außenanlagen des Waisenhauses

Dieses Mal zeigte der Direktor uns auch einen der Schlafsäle und die „Küche“.

Schlafraum mit zwanzig Stockbetten

Ein Teil der Küche

Wie auch schon im Jahr zuvor fand auf dem großen Gelände, auf dem sich auch das Waisenhaus befindet, eine Hochzeit statt. Das Brautpaar und die Brauteltern kamen auf uns zu und baten uns, ihre Gäste zu sein, es wäre ihnen eine große Ehre. Sie hatten gehört, dass wir zu den Spendern der Waisenhäuser gehören. Sie selbst spendeten immer sehr großzügig, wie wir hinterher erfuhren.

Das Brautpaar vor dem Altar

Die Hochzeit fand nach buddhistischem Brauch in einem großen Raum statt. Das Brautpaar und alle Gäste waren erlesen gekleidet, man merkte, dass sie zu einer gehobenen Gesellschaftsschicht gehörten.

Die Braut mit ihrer jüngsten Schwester

Wir saßen an niedrigen runden Tischen, an denen sechs bis acht Personen Platz nehmen konnten. Das Sitzen fiel mir nicht leicht, ich wusste nicht, wohin mit meinen Beinen, diese Art des Sitzens war ich nicht gewohnt. Erst nach einiger Zeit ging es besser, und ich konnte die ungezwungene, lebhafte Atmosphäre und die Speisen genießen.

Eine für uns ungewohnte Sitzweise

Die Braut links und der Bräutigam hinten rechts

Die Brautmutter erzählte mir, dass sie Professorin für Mathematik sei, und sie lud uns in ihr Haus in Sagaing ein. Ich hätte das Angebot gerne angenommen, aber dieses Mal war die Zeit zu knapp, wir versprachen, es beim nächsten Besuch nachzuholen. Als wir uns von dem Brautpaar, den jeweiligen Eltern und Paten verabschiedeten, stellten sie sich für uns zu einem Erinnerungsfoto draußen auf, alle im traditionellen Longyi, dem burmesichen Kleidungsstück, das auch Männer tragen.

An dritter Stelle von links ist die Brautmutter, Professorin in Mandalay

Anschließend fuhren wir in das Waisenhaus für Mädchen in Mandalay, das ebenfalls von der Myanmar Kinderhilfe betreut wurde. Die Mädchen trugen ausschließlich gespendete Kleidungsstücke, nur die Schulkleidung war einheitlich und wurde im Waisenhaus selbst genäht.

Die Abtissin, die unter anderem das Waisenhaus leitete, war eine strenge Frau, das merkte man an der enormen Disziplin der Mädchen. Sie strahlte nicht die Wärme und das Verständnis für die Kinder so aus, wie es der Leiter des Jungenwaisenhauses tat.

Am nächsten Tag wollte uns der Rikschafahrer noch etwas Besonderes zeigen, was in keinem Reiseführer stand. Wir waren schon fast eine ganze Stunde auf den schlechten Straßen unterwegs, und mir taten bereits alle Knochen weh, weil die Fahrradrikscha keine Federung besaß und wir oft durch Schlaglöcher mussten. Ich wollte schon aufgeben, aber sobald der Fahrradrikscha-Fahrer vor einem gut erhaltenen wunderschönen Kloster anhielt, waren die Schmerzen vergessen.

Als ich mehrstimmigen Chorgesang aus dem Kloster hörte, ging ich wie magisch angezogen in das weit nach hinten gezogene Gebäude, um den Gesang von nahem zu hören. Plötzlich stand ich einem Raum mit mehreren Holzgestellen, es war der Schlafraum der Mönche. Die meisten Betten bestanden aus einfachen Holzgestellen.

Ein Bett war besonders sorgfältig hergerichtet, wahrscheinlich war es das Bett des Abtes. Jetzt erst wurde mir bewusst, dass ich in die Privatsphäre der Mönche eingedrungen war, das hatte ich nicht beabsichtigt. Ich eilte schnell wieder zurück zu unserer Fahrradrikscha, ohne die Mönche gesehen zu haben, deren Gesang mich so bezaubert hatte.

Danach wollte ich noch einmal an den Ayeyarvady, der Lebensader des Landes. Der Fluss ist für viele ein Ort, an dem sie leben und sich irgendwie das Geld für den Lebensunterhalt erarbeiten. Oft haben sie sich provisorische Unterkünfte am Ufer oder auf selbst gebauten Flössen errichtet, die aus nicht viel mehr als aus einem Bambusgerüst, einer Plastikplane und einer Feuerstelle bestehen.

Frauen wuschen gebrauchte Säcke im Fluss, damit sie wiederverwendet werden konnten. Damit verdienten sie sich ein wenig Geld für den Lebensunterhalt.

Am Ufer des Ayeyarvady den Sonnenuntergang zu erleben, gehört für mich zu den ganz besonderen Eindrücken eines jeden Aufenthaltes in Mandalay.

Der Mythos Mandalay fing mit dem Klassiker „Road to Mandalay“ des britischen Schriftstellers Rudyard Kipling an. Durch sein Gedicht gelangte die Stadt ins Bewusstsein der ganzen Welt.

Mandalay, Außenmauer des Königspalastes

Rudyard Kipling selbst war zwar nicht in Mandalay, aber im Gegensatz zu anderen, die später dem Ort  ein Gedicht oder ein Lied widmeten, hatte er zumindest das frühere britische Kolonialreich Burma besucht, wenn er auch nicht in Mandalay selbst war. Bei einem ungeplanten Zwischenstopp in Moulmein, dem heutigen Mawlamyine, inspirierten ihn Burmas schöne Frauen zu dem Gedicht.

Einige von Mawlamyines schönen Frauen erlebten wir später selbst bei einer Hochzeit der Upper Class von Mawlamyine mit mehr als 300 Personen, bei der es wesentlich steifer zuging als bei der fröhlichen Hochzeit in Mandalay.

Hochzeitsfeier der „Upper Class“ in Mawlamyine

21 Kommentare zu „Sehnsuchtsland Myanmar

  1. Liebe Marie, dies ist ein Land was ich schon lange auf meiner Liste habe. Es muss beeindruckend sein und gut das du davon erzählst. So kann ich mit deinen Worten mitreißen. Liebe Grüße Maria…dieses Land würde ich gerne mit dir bereisen. Ich denke du gibst einem die nötige Reiseruhe um dieses Land zu genießen 🦋

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    1. Myanmar ist wirklich in jeder Hinsicht ein ungewöhnliches Land, und ich hoffe sehr, dass ich in absehbarer Zeit mit Dir dorthin fahren so vieles besuchen kann, was mir besonders gut gefallen hat. Es wird auch Dich beeindrucken.
      Liebe Grüße Marie

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      1. Marie davon bin ich überzeugt. An der Expo in Mailand war das Pavillon des Landes von Myanmar für mich sehr beeindruckend. Ich freue mich auf deinen nächsten Beitrag. Ich wünsche dir einen schönen Sonntagabend…es ist Vollmond. Gruß Maria

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  2. Da Sie von Menschen begeistert sind, kennen Sie sicherlich die Sprache oder sie sprechen Englisch? Frauen haben starkes, aber langsames Make-up, sehr emanzipiert? oder dürfen sie nur in dieser Hinsicht den Männern so sehr gefallen? Die Bilder sind fantastisch, wunderschöner Blog, mit freundlichen Grüßen an euch beide

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  3. Vielen Dank für Deinen netten Kommentar. In Myanmar sprechen die meisten Menschen Englisch, das lernen viele im Kloster, das macht die Verständigung leicht.
    Das „make up“ habe ich bisher nur in Myanmar gesehen. Es ist Thanaka-Pasta, eine gelblich-weiße Paste aus fein geriebenen Baumrinde. In Myanmar wird sie von Kindern, Frauen und auch Männern jeden Alters in das Gesicht gestrichen zum Schutz gegen Sonne und Austrocknung der Haut. LG Marie

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