Augen-Blicke

Augen sind „das Tor zur Seele“ oder auch „das Spiegelbild der Seele“, heißt es. Der Blick der Augen verrät jeden Gemütsszustand, unverfälscht und für jeden erkennbar. Egal ob Angst, Traurigkeit oder Freude – die Blicke der Augen können nicht lügen. Besonders die Blicke aus Kinderaugen finde ich immer wieder faszinierend.

In einem kleinen Dorf im Südosten von Laos konnten wir an einem Dorffest teilnehmen, wo wir auch die Sitten und Gebräuche der Dorfgemeinschaft kennenlernen konnten. Das kleine Mädchen auf dem Arm der großen Schwester sah mich mit großen Augen an, es hatte offenbar noch nicht viele ausländischen Besucher gesehen.

Dorffest im Südosten von Laos

Im Inselinneren von Lombok, der Schwesterinsel von Bali, besuchten wir verschiedene Dörfer, in denen noch die traditionelle Handwerkskunst ausgeübt wird. In einem der Töpferdörfer sah ich den kleinen Jungen vor der großen Papaya-Hälfte, der mich erstaunt ansah. Er hatte bisher noch keine Menschen gesehen, die anders aussahen als die vertrauten Gesichter seines Dorfes. Sein Vater amüsierte sich darüber, ihm war der Anblick von ausländischen Besuchern nichts Neues.

In einem kleinen Dorf auf der Insel Lombok, Indonesien

Im Süden von Myanmar sah mich das kleine Mädchen, dessen Gesicht durch Thanaka-Paste geschützt war, aufmerksam an. An der Hand der Mutter fühlte es sich sicher. Viele Frauen und Kinder in Myanmar haben Thanaka-Paste als Schutz gegen die Sonne und zur Pflege der Haut auf die Gesichter aufgetragen (die Thanaka-Paste wird aus der zerriebenen Rinde des Thanaka-Baumes hergestellt, ich habe diese Art des Hautschutzes bisher nur in Myanmar gesehen).

Auch das Gesicht des kleinen Mädchen, das ich auf dem Geländer der Shwedagon-Pagode mit seiner Mutter sah, war durch Thanaka-Paste geschützt.

Kleines Mädchen vor der Shwedagon-Pagode in Yangon, Myanmar

Bevor ich Kinder fotografiere, frage ich immer die Eltern, ob sie damit einverstanden sind. In China habe ich oft erlebt, dass sich die Eltern darüber regelrecht freuten, wenn ich um ihre Erlaubnis bat. „We are so many“, sagte mir eine Mutter einmal. Sie war sichtlich davon angetan, dass ich ihr Kind so interessant fand.

Am Ufer des Gelben Flusses in Lanzhou, im Nordwesten von China, sah ich das kleine Mädchen im Kinderwagen mit seinen Eltern, die auf einer Bank saßen und das Treiben auf dem Fluss betrachteten.

Kind in Yangzhou, China

Auf einem Markt in Chengdu sah der kleine Junge von seinem sicheren „Logenplatz“ auf dem Rücken des Vaters dem Treiben des Marktes zu.

Sicherer Logenplatz auf dem Rücken des Vaters in Chengdu, China

Ebenfalls in Chengdu traf ich eine junge Frau mit ihrer kleinen Tochter in der Nähe des People´s Park. Das Mädchen sammelte Blätter vom Boden auf und zeigte sie mir stolz.

Kleines Mädchen im People´s Park in Chengdu

In der weitläufigen Halles des riesigen Internationalen Flughafens von Peking saß der kleine Junge in einem Buggy und sah mich ein wenig erstaunt an.

Im Flughafen-Gebäude in Peking, China

Im Winterlager von Nomaden in den Grasslands der tibetischen Hochebene besuchten wir eine Familie, die zu sechs Personen in einem einzigen kleinen Raum lebte, Großeltern und die jungen Eltern mit dem kleinen Sohn. Ich war etwas überrascht, als die junge Mutter kurz aus dem Raum ging und mit ihrem „Schatz“, einem verzierten großen Sommerhut, zurückkam und sich damit stolz mit dem kleinen Sohn auf dem Arm zeigte. Der Kontrast zu der Umgebung konnte kaum größer sein.

Im Winterquartier einer tibetischen Nomadenfamilie, China

Auf einer der zahlreichen überdachten Brücken über dem Fluss, der mitten durch das Herz von Siem Reap in Kambodscha, fließt, saßen einige Einheimische auf den Bänken und genossen die Ruhe. Der kleine Junge, der zu Füßen seines Vaters hockte, sah mich mit seinen großen Augen an.

In Siem Reap, Kambodscha

Auch am Ufer des Tonle Sap-Flusses in Phonm Penh genossen zahlreiche Einheimische die abendliche Ruhe nach dem hektischen Verkehrsgewühl in der Stadt. Das kleine Mädchen, das gut behütet zwischen den Eltern auf der Steinballustrade saß, sah mich an, es war wohl nicht gewohnt, dass eine ihm unbekannte Person so viel Aufmerksamkeit widmete.

Am Ufer des Tonle Sap in Phnom Phen, Kambodscha

Im Inselinneren von Bali erlebten wir eines der zahlreichen Dorffeste, für das sich die Einheimischen besonders herausgeputzt hatten. Das kleine Mädchen auf dem Arm des stolzen Vaters trug eine Wollmütze, die an für sich für die freucht-heißen Temperaturen zu warm war. Der Vater erzählte mir, dass das Mädchen diese Mütze unbedingt anlässliche des Festes als seine Lieblingsmütze tragen wollte.

Vater mit Tochter während eines Dorffestes auf der Insel Bali, Indonesien

Als wir durch die kleinen Straßen der hübschen Altstadt von Lijiang im Südwesten von China gingen, fiel mir der kleine Junge auf, der einen Becher in der Hand hielt und sich immer wieder die Zähne putzte. Er saß vor dem kleinen Geschäft seines Vaters. Als wir Stunden später wieder vorbei kamen, saß er immer noch in derselben Haltung mit der Zahnbürste in der Hand.

Kleiner Junge in Lijiang, Yunnan, Südwest-China

Alljährlich am 2. September feiert Vietnam die Unabhängigkeit und Befreiung von Kolonialherrschaft. Ein Tag, an dem das ganze Land den Nationalstolz zelebriert. Wir waren gerade an diesem Feiertag vor vielen Jahren in Hoh Chi Minh-City und sahen die festlich gekleideten Menschen im Zentrum der Stadt, so auch die beiden kleinen Mädchen. Den beiden Kindern schien der Anblick von Fremden nicht sehr vertaut zu sein.

In einem kleinen Fischerdorf auf der Insel Boracay, Philippinen, spielte der kleine Junge im Sand und sah mich mit seinen großen Augen an, während sich die Eltern ihrer Arbeit nachgingen.

In einem Fischerdorf auf der Insel Boracay, Philippinen

In Mandaly, Myanmar besuchten wir die beiden Waisenhäuser der Myanmar Kinderhilfe-Stiftung. Im Heim für Jungen war gerade ein kleiner Junge angekommen, der seine Eltern bei Grenzgefechten verloren hatte. Er war am Anfang noch sehr scheu.

Neuankömmling im Waisenhaus für Jungen in Mandalay, Myanmar

Ebenfalls in Mandalay konnten wir am Unterricht der Kinder aus den beiden Waisenhäuser zusehen, an dem auch externe Schüler teilnehmen können. Die Mädchen des Waisenhauses hatten die grün-weiße Schuluniform an, die im Mädchenwaisenhaus genäht wird.

Swyambunath, eine der ältesten buddhistischen Tempelanlagen der Welt, liegt auf einem kleinen Hügel in der Nähe von Kathmandu. Beim Aufgang zur Tempelanlage sah ich den Jungen in einer Art Holzkiste, umgeben von den Devotionalien, die seine Eltern an vorbeikommende Gläubige verkauften. Der Junge saß dort fast den ganzen Tag und wartete, bis er mit seinen Eltern nach Hause zurückkehren konnte.

Sohn einer Devotinalien-Verkäuferin in Swayambunath, Nepal

In ländlichen Gegenden von Nepal sahen wir öfter Frauen, die auf dem Rücken in speziellen Körben schwere Lasten die Berge hinauf oder hinunter trugen, die mit Holz, Steinplatten und anderen Gegenstände beladen waren. Oft waren sie gezwungen, als Alleinverdiener durch diese Arbeit den Lebensmittelunterhalt für die ganze Familie zu verdienen. Erstaunlich fand ich, dass keine dieser Frauen verhärmt aussah. Sie nahmen die schwere Arbeit als Teil ihres Lebens gelassen hin. Das Gesicht dieser Frau, die wir unterwegs in einem kleinen Bergdorf trafen, war durch die viele Sonne gebräunt.

Lastenträgerin in einem Bergdorf von Nepal

In Hanoi, Vietnam, saß jeden Tag eine alte Frau auf dem Bürgersteig an einer dicht befahrenen Straße, die sich etwas Geld durch den Verkauf von Obst verdiente. Man sah dem Blick ihrer Augen an, dass ihr bisheriges Leben hart und entbehrungsreich gewesen war.

Verkäuferin von Obst in Hanoi, Vietnam

Wie viele Minenopfer aus der Zeit des Vietnamkrieges war diese Vietnamesin auf Spenden angewiesen. Sie versuchte noch, sich zusätzlich etwas Geld durch den Verkauf von Lotterie-Losen zu verdienen und bedankte sich überschwänglich, als ich ihr einige Lose abkaufte (die ich an andere verschenkte, da ich damit nichts anfangen konnte).

Minen-Opfer des Vietnamkrieges in Hoh Chi Minh-City

Während einer Familienfeier in einem Park in Lima, Peru, sah mich die alte Frau lange Zeit unverwandt an. Ihre Familie hatte aus ihrem Dorf in der Hochebene der Anden geholt, damit sie an der Taufe ihres Urenkels teilnehmen konnte. Kinder und Enkel kümmerten sich rührend um die alte Frau, der Familienzusammenhalt ist fast überall in Lateinamerika enorm. Eine der Töchter erzählte mir, dass die alte Frau 94 oder 96 Jahre alt sei (genau wusste es die alte Frau selbst nicht), dass sie zwar gerne zur Taufe gekommen war, aber dass sie wieder froh sei, in ihr kleines Dorf in den peruanischen Anden zurückkehren zu können. Lima war ihr zu laut und zu groß.

Alte Bäuerin aus dem Hochland der peruanischen Anden zu Familienbesuch in Lima, Peru

Wenn man sich freut und lacht, dann lächeln die Augen mit. Das Gegenüber erkennt die Freude alleine schon am Glanz in den Augen und den sich darum herumbildenden Fältchen. Unterwegs haben wir viele solcher positiv gestimmter Menschen gesehen, dadurch bekamen wir selbst auch sofort gute Laune. Im folgenden Beitrag kann man viele Beispiele sehen: Lächeln überwindet alle Grenzen

23 Kommentare zu „Augen-Blicke

    1. Vielen Dank, liebe Maria. Für mich sind die Augen das Wichtigste, sie können so viel ausdrücken. Die Augen lassen sich nicht kontrollieren, wie beispielsweise der Mund,denn sie reagieren ganz unbewusst. Liebe Grüße und alles Gute, Marie

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    1. Vielen Dank für die netten Worte. Es gibt einen Grund, weshalb die Kinder auf den Aufnahmen nicht lächeln: ich habe nur die Bilder herausgesucht, bei denen man den Ausdruck der Augen besser erkennen kann, als bei lächelnden Kindern. Davon habe ich viele auf meinem Beitrag „Lächeln überwindet alle Grenzen“, falls Du ihn Dir ansehen möchtest:
      https://seniorenumdiewelt.wordpress.com/2020/10/18/laecheln-ueberwindet-alle-grenzen/, da lächeln oder lachen die meisten Kinder.
      LG Marie

      Gefällt 1 Person

  1. Liebe Marie, ich bin sehr begeistert von diesen wunderbaren und ausdrucksstarken Fotos!
    Es ist fantastisch, wie du es geschafft hast, die Zartheit, Veletzlichkeit und auch die Neugier und das Staunen der kleinen Kinder authentisch einzufangen.
    Ja, so wahrhaftig und pur können Kinder schauen, wenn man sie nur lässt.
    Allerdings ist mir auch schon häufig aufgefallen, das kleinen Kindern gerne schon beigebracht wird, vor einer Kamera zu „posen“.
    Dies ist hier bei dir überhaupt nicht der Fall und darum mag ich deine Fotos so sehr.
    Liebe Grüße aus dem Nieselregen von Rosie

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Rosie, über Deine netten Worte freue ich mich ganz besonders, da Du die Bilder aus den Augen der anspruchsvollen Künstlerin siehst und beurteilst. Es ist richtig, dass die Kinder nur so authentisch schauen können, wenn sie lässt, und das war bei diesen Kindern der Fall.
    Liebe Grüße aus dem durchwachsenen Wetter von Marie

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