Alltagsszenen in Nepal, „am Dach der Welt“

Nepal, der „Paradiesvogel Asiens“, das „Land der Götter“, das mit einer jahrtausendealten Geschichte und einer reichhaltigen Artenvielfalt an Flora und Fauna aufwarten kann, ist ein Land, das am Südhang des gewaltigen Himalaya-Gebirges am Dach der Welt gelegen ist, eingezwängt zwischen den beiden Giganten China und Indien. Das Land, das lange Zeit abgeschottet von der Welt war, erstreckt sich über alle Höhenstufen der Erde, dementsprechend vielfältig sind seine Bewohner. Wer in Nepal unterwegs ist, das grandiose Panorama und die Gastfreundschaft der Bewohner genießen kann, der spürt meistens auch den Kontrast zwischen den Postkartenmotiven und der Realität, in der viele Menschen leben müssen.

Postkartenidylle am Phewa-See in Pokhara, im Hintergrund das teils über 8000 m hohe Annapurna-Massiv und Machhapuchhre

In Nepal findet das Leben nicht isoliert in den Häusern statt, sondern vorwiegend davor, besonders in den hinduistischen und buddhistischen Tempelanlagen herrscht reges Gemeinschaftsleben. Die Zeit mit anderen zusammen zu verbringen, ist für die Menschen in dem kleinen Himalaya-Staat sehr wichtig.

Öffentliche Wasserstelle in Kathmandu
Männerrunde vor dem Königspalast in Patan
Fünf Nepalesinnen vor dem Königspalast in Patan im Gespräch
Nepalesinnen im Eingang des Königspalastes in Patan
Nepalesische Hochzeit in Patan

Die Religion spielt im Leben der Nepalesen eine wichtige Rolle, die Menschen schöpfen aus ihr eine große Kraft, wenn nicht für dieses Leben, dann für das nächste. Die Religion wird täglich neu gelebt, und der tägliche Besuch der Tempelanlagen, Pagoden und Stupas ist für die meisten selbstverständlich. Vor den Tempelanlagen, Pagoden und Stupas gibt es im allgemeinen ein großes Angebot an Devotionalien, die von den Besuchern der Heiligtümer gern zur Verbesserung des Karmas gekauft werden.

Verkauf von Butterfettlampen, Blumen und anderen Devotionalien vor den Tempelanlagen

Das Kathmandu-Tal mit seinen drei Königsstädten Kathmandu, Patan und Bhaktapur ist wegen seiner unzähligen Heiligtümern ein einzigartiges Kunstmuseum. Dort haben die Newar, das einzige nepalesische Volk, das eine urbane Kultur hervorgebracht hat, mit ihrer großartigen Kultur das Kunsthandwerk sehr stark geprägt.

Durbar Square in Patan, einer der drei ehemaligen Königsstädte im Kathmandu-Tal

Der zentrale Durbar Sqaure in Patan gehört seit 1979 zum Weltkulturerbe der UNESCO. Neben vielen verschiedenen Tempeln und Pagoden befindet sich hier auch der beeindruckende, dreigeteilte ehemalige Königspalast (auf dem Bild rechts).

Alltagsleben auf dem Durbar Square in Patan

Bhaktapur gehört ebenso wie Kathmandu und Patan zu den ehemaligen Königsstädten im Kathmandu-Tal. Die Stadt ist für ihre außerordentlichen Holzschnitzereien berühmt. Die Kunsthandwerker der Newar waren auch diejenigen, die nach dem verheerenden Erdbeben von 2015, bei dem so viel zerstört wurde, zumindest einen Teil der einzigartigen Kulturgüter wiederhergestellt haben.

„Fünfundfünzig Fenster-Palast“ in Bhaktapur
Schüler in Bhaktapur in ihrer einheitlichen Schuluniform

Das architektonische Erbe der ehemaligen Königsstadt Bhaktapur wurde 1979 auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes gesetzt.

Schülerinnen in Schuluniform während eines Besuches im Palast der 55 Fenster

Bhaktapur ist auch bekannt für seine excellente und atmosphärische Töpferkultur.

Töpferware ist zum Trocknen auf den Plätzen in Bhaktapur ausgelegt
Töpfer bei der Arbeit an der Drehscheibe

Auf einem Hügel am Westrand von Kathmandu steht der älteste Stupa von Nepal, Swayambhunath, der für die Buddhisten genauso wichtig ist wie die Verbrennungsstätte Pashupatinath für die Hindus. Swayambhunath wird nicht nur von Buddhisten besucht, sondern auch von vielen Hindus. Hier zeigt sich besonders die gelebte, friedliche Koexistenz der verschiedenen Religionen in Nepal.

Sohn einer Verkäuferin von Devotionalien vertreibt sich die Zeit am Aufgang zum Stupa von Swayambhunath

Swayambhunath liegt auf einem Hügel ein wenig außerhalb von Kathmandu. Wie an vielen anderen Orten in Kathmandu sind auch in Swayambhunath buddhistische wie hinduistische Heiligenstätten eng miteinander verzahnt .Die „Allsehenden Augen Buddhas“ (Allseeing Eyes of Buddha) auf dem Stupa beobachten von vier Seiten das ganze Kathmandu-Tal.

Die allsehenden Augen Buddhas auf dem Stupa in Swayambhunath

Die Tempelanlage Swayambhunath wurde westlich von Kathmandu auf einem Hügel erbaut. Sie gilt, ebenso wie Borobudur auf Java, als eine der weltweit ältesten Tempelkomplexe und gehört seit 1979 zum Welterbe der UNESCO.

Gläubige umrunden den Stupa und zünden zu Ehren Buddhas Butterfettkerzen an
Hundebaby mit Hundemutter am Fuß des Stupa

In Bodnath, von den Einheimischen Boudha genannt, sind besonders viele Tibeter nach der Flucht aus ihrer Heimat ansässig geworden. Nachdem der Dalai Lama im Jahre 1959 aus seiner Heimat fliehen musste und sich in Bodnath in der Stupa versteckt hielt, ist der Stupa von Bodnath noch wichtiger für die religiösen Pilger geworden. „Klein-Tibet“ nennt man auch die heilige Stätte der Buddhisten etwas außerhalb von Kathmandu. Der Stupa von Bodnath strahlt weithin sichtbar im Kathmandu-Tal und ist seit Jahrhunderten ein wichtiges Zentrum der buddhistischen Pilger in Nepal. Die gläubigen Pilger wandern betend um den Stupa von Bodnath herum, indem sie den Gebetskranz drehen und dabei die Formel „om mani padme hum“ (das Mantra für Mitgefühl und Heilung) murmeln.

Tibetische Pilgerin mit der typisch gestreiften Schürze und Gebetskranz
Tibetische Pilgerinnen in Bodnath mit Gebetskränzen und typisch gestreiften bunten Schürzen

Der kleine Vorort Bodnath befindet sich nordöstlich von Kathmandu und gehört seit 1979 zum Welterbe der UNESCO. Seit Jahrhunderten pilgern Buddhisten nach Bodnath, oder Boudha, um den ca. 36 m hohe Stupa zu besuchen.

Oben links ein kleiner Stupa mit den allsehenden Augen Buddhas
Schlafende Hunde am Fuß des Stupa von Bodnath, Buddhisten lassen sie in Frieden ruhen

Zu den bedeutendsten Kunstwerken des tibetischen Buddhismus gehören Thangkas und Mandalas, die alte, überlieferte religiöse Visionen darstellen. Die strenge Symbolik von Formen und Farben lässt nur wenig individuelle künstlerische Freiheit zu. Schon allein durch den Blick auf ein Thankga erwirbt ein Buddhist spirituelle Verdienste. Thangkas können nach buddhistischer Auffassung zur Heilung, Gesundheit, einem langen Leben, Schutz oder einer guten Wiedergeburt beitragen.

Thangka-Kunstakademie in Bodnath

In der Thangka-Kunstakademie in Bodnath am Fuß des großen Stupa kann man den Mönchen und ihren Schülern beim Anfertigen von Thangkas und Mandalas zusehen.

Pashupatinath ist ein besonders heiliger Ort für die Hindus, an dem auf den Ghats Feuerbestattungen stattfinden. Gläubige Hindus bringen ihre toten Angehörigen teilweise auch aus dem Ausland an diesen heiligen Ort, damit sie hier in Anwesenheit von Verwandten und Freunden verbrannt werden. Die komplette Feuerbestattung dauert drei Stunden und erfordert etwa 400 Kilo Holz.

Verbrennungszeremonie in Pashupatinath, einer der heiligsten religiösen Stätten für die Hindus

Der Pashupatinath Tempel zählt seit 1979 zum Weltkulturerbe der UNESCO. Er befindet sich im Kathmandu-Tal und ist im Hinduismus eine der wichtigsten Tempelstätten. Jedes Jahr pilgern unzählige Hindus zum Pashupathinath, um im Frühjahr das Shivarati-Fest zu feiern.

Vorbereitung von Opfergaben im Familienkreis auf der anderen Seite des Bagmati-Flusses

Nach den Verbrennungszeremonien für die Toten werden die Holzreste und die Asche in den Bagmati-Fluss geworfen, wo ein Junge versucht, noch Brauchbares herauszuholen und zu verwerten.

Zu einer der besonderen Attraktionen bei hinduistischen Festen in Pashapatunath gehören die Sadhus, die als heilig geltenden Männer, die meist aus dem Nachbarland Indien anreisen. Sie beschmieren ihre halb nackten Körper mit Asche und dürfen dank einer Sondergenehmigung während des Festivals innerhalb des Tempels zu meditativen Zwecken Cannabis rauchen. Die „Holy Men“, Sadhus, verschreiben sich einem asketischen Leben und streben nach Erlösung.

„Holy Men“ – Sadhus

Die Nepalesen feiern mehr Feste, als es Tage im Jahr gibt. Die Religionsausübung ähnelt keinesfalls der ernsten Ehrfurcht in christlichen Kirchen, sie erinnert eher an ein Volksfest und ist daher mehr eine vergnügliche Sache. Überall finden zahlreiche Umzüge statt, die Trommeln der sich nähernden Musikkapelle hört man schon von weitem, sie locken die Bewohner an die Fenster oder auf die Straßen.

Musikkapelle bei einem der zahlreichen Feste, Bhaktapure

Viele Frauen des Kathmandu-Tales, vor allem die Bauernfrauen, tragen bei Festlichkeiten schwarze Saris mit rotem Rand.

Wer es irgendwie ermöglichen kann, sieht sich die festlichen Umzüge aus der Nähe oder auch aus den Fenstern an.

Zuschauer bei dem festlichen Umzug in Bhaktapur

Ein beschauliches, ruhiges Leben findet man in den Dörfern in Nepal, vor allem in den kleinen Bergdörfern wie Bandipur.

Viele Frauen müssen in Nepal als Lastenträger für alle möglichen Gegenstände, teilweise auch Steine, arbeiten, um den Lebensunterhalt für ihre Familien zu verdienen. Besonders abseits der Städte gibt es sonst kaum Verdienstmöglichkeiten.

Lastenträgerinnen in den Bergen von Nepal

In Pokhara, etwa 200 km von Kathmandu gelegen und mit milderen Temperaturen gesegnet, kann man das herrliche Panorama am Phewa See vor dem Hintergrund der Himalaya-Riesen genießen, wenn man nicht zum Trekking in das Himalay-Gebirge möchte und Pokhara nur als Ausgangspunkt für die Trekkingtouren nimmt.

Alltagsleben am Phewa-See, im Hintergrund das teilweise mehr als 8000 m hohe Annapurna-Massiv

In der Umgebung von Pokhara leben zahlreiche tibetische Flüchtlinge, die die Lager inzwischen in tibetische Dörfer umgewandelt haben. Sie leben hauptsächlich vom Verkauf von tibetischem Kunsthandwerk und Teppichen.

Tibetische Weberin mit einem Yak-Muster auf dem Webstück

Nepal gehört zu den ärmsten Ländern der Welt, die farbenfrohen Bilder können Außenstehende das leicht vergessen lassen. Nicht für alle ist Nepal das „Märchenland“, das „Shangri-La“, für den größten Teil der Nepalesen ist der Alltag nur mühsam zu bewältigen.

Das verheerende Erdbeben von 2015, das Tausende von Menschenopfern kostete und unzählige Kultur- und Wohnstätten zerstörte, hat die Not vieler Nepalesen noch vergrößert.

Teppichverkäufer auf dem Durbar Square in Kathmandu

Die nepalesische Bevölkerung hat jedoch nach dem verheerenden Erdbeben, teils auch mit ausländischer Hilfe inzwischen großartige Arbeit geleistet: der Schutt der eingestürzten Tempel und Pagoden wurde beseitigt und die beschädigten Tempel mit Pfeilern gestützt, so dass inzwischen wieder Touristen in das Land kommen können und es auch tun. Auch wenn viele Hilfsgelder nicht ankommen, vor allem in den weiter entfernt liegenden und schwer zugänglichen Berggegenden, haben sich die Nepalesen nicht unterkriegen lassen, sondern tatkräftig selbst Hand angelegt.

Der Beitrag wurde auch veröffentlicht in: https://nedhamsonsecondlineviewofthenews.com/2021/07/08/alltagsszenen-in-nepal-am-dach-der-welt-senioren-um-die-welt/

Einen weiteren Beitrag zu Nepal findet man unter: https://seniorenumdiewelt.wordpress.com/2020/03/03/besondere-sonnenuntergaenge-in-nepal/

26 Kommentare zu „Alltagsszenen in Nepal, „am Dach der Welt“

  1. A pesar que Nepal es unos de los países más pobres del mundo, encerrados entre dos potencias asiáticas (India y China) tiene su encanto en su naturaleza y su gente. Tu extensa crónica, acompañadas por las extraordinarias fotos, nos deja esa sensación de estar rodeado de esa población y sus modus vivendi. Gran trabajo Marie. Un gran abrazo.

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    1. Muchísimas gracias, Santiago. Es un placer para mí poder acercarte a la gente y la vida que es tan diferente en Nepal.
      Y gracias por reproducirlo en tus cuentas de Facebook. Te saludo con toda mi amistad y afecto hasta México, Marie

      Gefällt 1 Person

    1. Herzlichen Dank für Deine Worte, liebe Anna. Es ist ein wenig wie eine andere völlig Welt, wenn man nach Nepal kommt. Ich wollte mit diesem Beitrag einen kleinen Überblick über dieses grandiose Land, die Kultur und seine Bewohner geben. Liebe Grüße und alles Gute, Marie

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