Alltagsszenen in Japan, dem „Land des Lächelns“

Japan fasziniert viele, die meisten Ausländer kennen zwar japanische Produkte wie Sushi und Ramen, von dem Land, seiner Kultur und den Menschen wissen sie jedoch sehr wenig. Nach dem Titel der Operette von Franz Léhars soll Japan ein „Land des Lächelns“ sein, aber ist das wirklich so? Wer Japan nicht selbst gesehen hat, erhoffte sich, durch die Berichte über die Olympischen Sommerspiele 2021 einiges über das Alltagsleben in Japan zu erfahren. Da die Spiele aber ohne Zuschauer stattfinden, möchte ich durch die folgenden Bilder zumindest einige Eindrücke von dem interessanten und vielfältigen Alltagsleben in Japan vermitteln.

Der Shinkansen – die „Rakete auf Rädern“

Eine Fahrt mit dem superschnellen Shinkansen, der „Rakete auf Rädern“, von Tokio nach Kyoto hatte ich mir als ganz besonderes Erlebnis vorgestellt. Die Züge sollen extrem schnell und auf die Minute pünktlich sein, davon kann man in anderen Ländern nur träumen. Wenn ein Zug nur einige Minuten Verspätung hat, entschuldigen sich die Schaffner förmlich bei den Reisenden. Im Gegensatz zu den großen Städten in China sind die Züge auf den Anschlagetafeln nur in japanischer Schrift, nicht jedoch in Englisch angegeben. So fuhren wir zwar mit dem ersten Shinkansen, der nach dem Fahrplan passend schien, zunächst in Richtung Süden, nach einiger Zeit bog er jedoch nach Osten ab. Als ich das merkte, fragte ich die Sitznachbarn und danach auch die anderen Mitreisenden, was wir jetzt tun könnten, um an unser Ziel zu gelangen. Jeder lächelte mich freundlich an, aber niemand verstand mich, ich war „lost in translation“. Ich musste fast durch den ganzen Zug gehen, bis ich eine nette Japanerin fand, die mir in Englisch erklären konnte, dass wir wieder nach Tokyo zurückfahren müssten, um von dort den richtigen Zug nach Kyoto zu nehmen. Sie schrieb mir auch auf, von welchem Bahnsteig der Zug abfahren sollte, so dass es uns schließlich doch noch gelang, nach Kyoto zu gelangen.

Hilfsbereite Japanerin mit Englischkenntnissen

Der Zug war tatsächlich sehr schnell und erreichte Kyoto pünktlich auf die Minute. Wir brauchten für die etwa 500 km Entfernung weniger als drei Stunden. Allerdings war es in der zweiten Klasse nicht ganz so bequem, wie ich mir das von solch einem Zug vorgestellt hatte.

Mitreisendes Mädchen mit Kopfschmerzen

Erstaunt waren wir, als zwei Schaffner während der Fahrt zweimal strammen Schrittes durch den ganzen Waggon gingen, vor der Tür zum vorderen Wagen anhielten, sich umdrehten, grüßend an ihre Kappe tippten und dann ebenso forsch wieder zurückgingen. Die japanischen Mitreisenden kannten das schon, deshalb nahmen sie keine Notiz von dem für uns ungewöhnlichen Schauspiel.

Mitreisende im „Shinkansen“

Wir hatten uns den Bahnhof von Kyoto kleiner und übersichtlicher vorgestellt. Da hatten wir uns gründlich geirrt, er ging über mehrere Etagen, und es war sehr schwer, uns ohne Sprachkenntnisse durchzufinden. Wir brauchten fast eine Stunde, um einen Informationsstand zu finden, in dem man uns auf Englisch den richtigen Weg zum Hotel sagen konnte. Dafür sahen wir auf dem Weg zum Ausgang zu unserer Überraschung ein großes Areal mit Foto-Studio und Ständen mit Halloween-Artikeln. Halloween war also auch in Japan angekommen.

Halloween im Bahnhof von Kyoto

Am Informationsstand konnten wir uns auch Ein- und Zweitageskarten für alle Bus- und Metro-Linien von Kyoto kaufen.

Ein-Tages-Ticket für alle Verkehrsmittel in Kyoto
Besucher vor dem Eingang zur Burg Nijō in Kyoto

Erstaunt war ich, dass die Schüler, die wir in verschiedenen Städten trafen, fast ausnahmslos entspannt und fröhlich waren. Ich hatte immer gehört, dass japanische Schüler wegen des enormen Lernpensums immer unter Stress stehen und kaum Zeit für etwas anderes haben. Alle trugen einheitliche dunkelblaue Schuluniformen.

Schülergruppen vor dem „Goldenen Tempel“, dem Kinkakuji-Tempel, in Kyoto
Kunsthandwerker für Silberschmuck in der Nähe des Ginkakuji-Tempels
Typische japanische Sandalen
Hundebekleidung auf japanische Art
Ein ganzes Geschäft mit Oster-Artikeln, besonders schön fand ich die Osterhasen im Kimono

Als mir diese jungen Damen in einer Seitengasse entgegen kamen, glaubte ich, in einer Filmszene zu sein. Es waren Geishas, die perfekt geschminkt und gestylt waren und entsprechende Kimonos und die typischen Perücken trugen. Geishas sind keine Kurtisanen, wie manche denken, sie sind „Personen der Künste“, reine Gesellschaftsdamen, die ausschließlich durch Kunstdarbietungen erfreuen.

Die bereits ausgebildeten Geishas werden Geikos genannt. Maikos befinden sich dagegen noch in der Ausbildung. Die Aufgabe der Geishas aus Kyoto ist es, bei Tee und Musik formvollendeten Zeitvertreib zu gewähren.

Rückenansicht der Original-Kimonos

Die alte Kaiserstadt Kyoto hat sich ihre Traditionen in besonderem Maße bewahrt. So sieht man in der Stadt, aber auch außerhalb in den Vororten immer wieder Japanerinnen jeden Alters, die Kimonos tragen, allerdings ohne Perücken, die nur den Geishas vorbehalten bleiben.

Dass sich Schüler und Lehrer so blendend verstehen und amüsieren, ist bei uns eher selten. Besonders angetan hatte es mir diese junge Lehrerin mit dem flotten roten Hütchen und dem herzerfrischenden Lachen.

Gruppenbilder – vor allem von Schulklassen – werden überall und immer wieder gemacht
Aufstieg zum Kiyomizu-dera-Tempel, UNESCO-Weltkulturerbe, mit schönem Blick über Kyoto

Die Tages- und Zweitageskarten für die öffentlichen Verkehrsmittel ermöglichten uns den mühelosen Besuch der außerhalb von Kyoto gelegenen Tempel und Schreine mit Bussen und Bahnen. Diese Zwei-Tages-Karte konnten wir mehrfach erneuern, so mussten nicht jedes Mal an den Kiosken anstehen.

Zwei-Tages-Karte für den Besuch verschiedener Highlights auch außerhalb von Kyoto

Ein Ausflug nach Nara, der Wiege der japanischen Kultur, durfte nicht fehlen. Ein Höhepunkt war der „Daibutsu“, die größte bronzene Buddahstatue der Welt, sowie der Kasuga-Schrein aus zinnoberrot lackiertem Holz. Wegen seiner vielen alten und gut erhaltenen Tempel gehört Nara mit zu den bedeutendsten touristischen Zielen in Japan. Mehrere Tempel, Schreine und Ruinen in und um Nara sind Teil des UNESCO-Weltkulturerbes, so zum Beispiel auch die Haupthalle des Todai-ji-Tempels, die eine riesige Buddhastatue beherbergt, die Tausende von Besuchern anzieht.

Todai-ji-Tempel in Nara im Regen
Verkäuferin von Glücksbringern in Nara

Man fühlt sich wie in einem orangefarbenen Tempel, wenn man durch den Tunnel der tausend Torii des Shinto-Schreins Fushimi Inari-Taisha geht. Es ist von jung und alt sehr beliebt, sich vor den Torii ablichten zu lassen und anschließend durch den orangefarbenen Tempel bis nach oben emporzusteigen.

Foto-Motiv Fushi-Inari-Taisha-Schrein

Diese traditionelle Kleidung für japanische Männer haben wir nur dort gesehen. Auch Jungen waren teilweise so herausgeputzt.

Japaner in ihrer traditionellen Kleidung sieht man so sehr selten

Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln finden wir immer besonders interessant, weil man da die Einheimischen in ihrem Alltagsleben am besten kennenlernt.

Hier kann man besonders gut sehen, dass die typisch japanischen Sandalen spezielle Socken erfordern

Japaner sind sehr höflich, man machte uns immer einen Sitzplatz frei, auch wenn die Verkehrsmittel noch so voll waren und wir problemlos stehen konnten (sonst würden wir nicht reisen).

In einer Straßenbahn in Nagasaki

Während einer Fahrt mit dem Bus sollte man sich als Fahrgast an den Schlaufen gut festhalten, da die Fahrweise manchmal etwas riskant ist für diejenigen, die das nicht tun. Einmal haben wir einen jungen Mann stürzen sehen, der es nicht gemacht hatte. Der Bus musste plötzlich eine Notbremsung machen.

In der Metro ist es nicht notwendig, sich an den Halteschlaufen festzuhalten, sofern man einen Sitzplatz hat.

In fast allen Vororten sahen wir viele dieser typischen Holzhäuser. Das Leben in den kleinen Nebenstraßen und Grünanlagen scheint sehr ruhig zu verlaufen. Man nimmt sich Zeit für eine Schale Tee, zum Malen oder zum Entspannen mit der Familie.

Ruhepause mit einer Schale Tee
Entspannung mit Skizzenblog
Schminkhilfe in einem kleinen Café in einem der Vororte von Kyoto

Traditionelle Rikschas werden immer noch als Transportmittel genommen. Wir sahen sie besonders in den Vororten wie Arashiyama immer wieder, sie bei den Einheimischen durch das entspannte Vorwärtskommen sehr beliebt.

Noch immer genutztes traditionelles Transportmittel in Arashiyama

Im großen Bambushain von Arashiyama gibt es tagsüber zahlreiche Besucher, die durch den dichten meterhohen Bambuswald gehen. Frühmorgens herrscht dort aber eine fast meditative Ruhe.

Im Bambushain von Arashiyama

Kindergarten- und jüngere Schulkinder tragen grundsätzlich Kappen oder kleine Hüte, so wie auch hier in Osaka. Durch die Farben kann man sie leicht ihren Gruppen zuordnen.

Ruhepause auf einer Parkbank vor dem Schloss von Osaka
Auch Frauen tragen gerne Hüte, das sahen wir in den unterschiedlichsten Städten

Vor der Burg von Osaka lag ein kleiner Hund auf einer Parkbank, dick eingepackt, obwohl im Schatten 28 Grad waren. Die Besitzer besuchten inzwischen die Burg im Vertrauen darauf, dass der Hund ruhig liegen blieb. Tatsächlich lag der Hund nach ihrer Rückkehr immer noch schlafend auf der Bank.

Picknick vor Schloss Osaka vor dem Aufstieg
Aufstieg zur Besichtigung von der Burg Osaka
Blick in einen Vulkankrater im Hakone-Nationalpark
Hakone-Nationalpark mit noch aktiven Vulkanen

Japan gilt als eines der saubersten Länder der Welt, auf Hygiene und Komfort wird großer Wert gelegt, das gilt sowohl bei den westlichen Toiletten mit vorgewärmten Toilettendeckeln und automatischer Spülung als auch für die meist üblichen Hocktoiletten.

Benutzungsanleitung, die auch für Nicht-Japaner verständlich ist

Man sagt, dass in Japans Süden die entspanntesten Japaner leben, die Uhren gehen dort langsamer und das angenehme Klima lässt vor allem Okinawa Inseln zum Sehnsuchtsziel werden. Uns war empfohlen worden, auf jeden Fall die knallrote langgezogene Burg Shuri in der Hauptstadt der Insel Naha besichtigen, die so anders ist als die sonst strengen Burgen im übrigen Japan. Ein netter Führer zeigte und erkärte uns die Burg.

Führer in der Burg Shuri, Okinawa
Folkloregruppe vor der Burg Shuri

„Wer den Fuji besteigt, wird weise“, so sagt man in Japan. Deshalb pilgern zahllose Japaner während der zwei Monate, in denen man den Fuji besteigen kann, im Gänsemarsch nach oben. Der Gipfel des Heiligen Berges ist oft von Wolken verhüllt, das war auch so, als wir ihn im Hakone-Nationalpark während eines Ausfluges sehen wollten. Aber dann konnten wir den Fuji-San doch noch vom Schiff aus in voller Schönheit sehen.

Der höchste Berg Japans Fuji-San vom Schiff aus gesehen
Der perfekte Kegel des 3776 m hohen Fuji, im Vordergrund die Stadt Shimizu

Japan vermittelte uns einerseits ein ungewohntes Gefühl des Fremdseins, auf der anderen Seite bot uns das Land eine Fülle von Eindrücken und war für uns in vielerlei Hinsicht ungemein reizvoll. Wir haben erfahren, dass es In Japan wichtig ist, sich nicht als Individuum hervorzuheben, sondern möglichst sein Gesicht zu wahren und seinen Platz im sozialen Gefüge der Gesellschaft auszufüllen.

26 Kommentare zu „Alltagsszenen in Japan, dem „Land des Lächelns“

  1. Tu crónica es muy completa para darnos una visión muy amplia de Japón. Una cultura milenaria con mucho de misterio. Lamentablemente los Juegos Olímpicos se están desarrollando sin espectadores y eso desluce un poco el espectáculo deportivo. A pesar de este inconveniente, Japón está en la palestra mundial al seguir los acontecimientos de las competencias deportivas.
    Las fotos que acompañas le dan más realce a tus descripciones. Un buen artículo Marie. Te felicito sinceramente. Un gran abrazo

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    1. Muchas gracias por tus amables palabras, Manuel Ángel. Estoy muy feliz de que hayas tenido una pequeña idea del gran y, sin embargo, siempre algo misterioso país a través de la contribución. Un gran abrazo, Marie

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  2. Nach mehr als einem Jahren Leben in Japan kann ich nur sagen: So typisch, so aufmerksam, so reich — in diesem Beitrag findet sich ein Gemälde des Landes, das seine Menschen nicht besser treffen könnte.
    Bernd

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  3. Danke, liebe Marie, für diesen so eindrucksvoll anschaulichen Beitrag passend zu Olympia. Wir schauen dann gleich den Mitschnitt von heute Nacht, Quali Geräteturnen der Damen. Dein Artikel lieferte den perfekten kulturellen Hintergrund zum Veranstaltungsort. 👍

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    1. Vielen Dank für Deine netten Worte, liebe Anke. Wie schön, dass Dir der Beitrag einen Hintergrund für das Betrachten der sportlichen Ereignisse bietet. Geräteturnen war immer meine Lieblingssportart in der Schule, das konnte ich sogar recht gut. LG Marie

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    1. Ich danke Dir sehr für Deine netten Worte, Tom, und es freut mich sehr, wenn Dir die Einblicke gefallen haben. Ich habe meist keine großen Schwierigkeiten, nah an die Menschen heranzukommen, da ich nur einen winzigen Fotoapparat habe und auch sonst nicht bedrohlich wirke. Und ein Lächeln hilft fast immer.

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  4. ich bin ja nicht so der Fan von Asien aber der Beitrag ist wirklich klasse ! Das Foto der Rakete (Zug) ist schon ein Hingucker und die vielen Fotos der Kinder. Eines hat mir besonders gut gefallen, wo die 4 in einem Kinderwagen sitzen. Köstlich !
    Ja irgendwie schaffst du es immer den Leuten ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Gut ich denke die Japaner sind von Natur aus freundliche Menschen !
    Also von mir gehen beiden Daumen nach oben für den Beitrag !

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    1. Das sind sehr nette Worte, vielen Dank dafür. Es freut mich sehr, dass Dir auch an den vier Kindern in dem Kinderwagen Spaß hattest. Du hast Recht, die Japaner lächeln viel und gerne. Das macht den Aufenthalt dort angenehm. Schade, dass unsere Sportler das nicht erleben dürfen.

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    1. Je te remercie pour tes aimables paroles, Filipa. Je suis sûr qu’un jour ton rêve de visiter le Japon se réalisera. C’est tellement différent du nôtre, mais c’est définitivement un monde fascinant. Je te souhaite une bonne semaine, Marie

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    1. Vielen Dank für Deine netten Worte, liebe Anna. Ich hoffe, dass Du einen kleinen Eindruck in den teils fremden und teils vertrauten Alltag der Japaner bekommen hast. Ich wünsche Dir alles erdenklich Gute, liebe Grüße Marie

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  5. Marie, nuevamente hago públicos mi admiración y mi reconocimiento a tus publicaciones, las cuales, tanto en texto como en imágenes, ilustran los temas que dominas con tanta sensibiidad. Gracias por mostrarnos la esencia, el valor y la belleza de Japón y su gente. Es un trabajo magnífico que replicaré en mis dos cuentas de Facebook para que mayor número de personas tengan oportunidad de conocer el valor de tus publicaciones. Saludos hasta Alemania con el cariño, la amistad, el respeto y la admiración que t tengo.

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    1. Muchas gracias por tus amables palabras, Santiago, realmente las aprecio mucho. También te agradezco las replicaciones en tus dos cuentas de facebook. Te saludo hasta México con el cariño, la amistad y la admiración que te tengo, Marie.

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