Kriegskinder – niños de guerra

Es ist geschehen, was ich bis vor kurzem nicht für möglich gehalten habe, Russland hat am 24. Februar 2022 die Ukraine überfallen und damit mitten in Europa einen unsinnigen und mörderischen Krieg begonnen, der so viele unschuldige Menschen betrifft, sie heimatlos macht und unendliches Leid verursacht. Die Bilder im Fernsehen, die Nachrichten, Sirenengeheul und brennende Häuser, Menschen auf der Flucht und die vielen Unschuldigen, die getötet wurden, sie machen fassungslos und wecken schreckliche Erinnerungen und Ängste.

Wenn ich die Bilder sehe, wie die Menschen, die in Kellern, U-Bahn-Stationen oder sonst irgendwo Schutz vor Bomben suchen, diejenigen, die auf der Flucht sind, die bei Angriffen um ihr Leben rennen müssen oder auch getötet werden, brennende Häuser und weinende Kinder, schnürt es mir regelrecht das Herz ab bei dem Gedanken, was diese unschuldigen Menschen erleiden müssen, immer mit der Angst, überhaupt zu überleben und eine Zukunft zu haben. Ich kann mir ein wenig vorstellen, was sie durchmachen müssen, wenn sich die Väter von ihren Frauen und Kindern am Zug oder an der Grenze verabschieden müssen, weil sie selbst ihr Land verteidigen möchten und dabei nicht wissen, wann und ob man sich überhaupt noch einmal wieder sieht.

Ich kann es mir deshalb vorstellen, weil ich es selbst erlebt habe, weil sich auch mein Vater von meiner Mutter und uns drei kleinen Kindern an der polnischen Grenze verabschieden musste. Er fuhr dann wieder zurück an die Front, da er als Deserteur erschossen worden wäre, wenn er es nicht gemacht hätte.

Es sind vor allem die vielen Kinder, die unter den Kriegsgeschehnissen leiden, Kinder, die nur eine unbeschwerte Kindheit erleben möchten, so wie wir es damals am Ostseestrand im ehemaligen Ostpreußen einige Zeit lang konnten.

Unbeschwerte Kindheitsjahre am Ostseestrand im damaligen Ostpreußen (ich bin in der Mitte)

Unsere unbeschwerte Kindheit wurde durch den Krieg jäh beendet. Mein Vater wurde zur Armee eingezogen, und auch ich als Kleinste spürte, dass etwas Bedrohliches bevorstand. Im letzten Kriegswinter hatte mein Vater als Soldat Heimaturlaub bekommen, aber es wurde kein unbeschwerter Familienurlaub.

Bedrückte Stimmung beim letzten Familienfoto vor der Flucht aus Ostpreußen (ich bin links im Foto)

Mein Vater nutzte die Gelegenheit, um uns, seine Familie, in den letzten Zug zu setzen, der Richtung Westen fuhr. Danach musste er zu seiner Truppe an die Ostfront zurückkehren, in einen Krieg, der in jeder Hinsicht mörderisch war. Er hatte für meine Mutter und für meine beiden älteren Geschwister Fahrkarten bekommen können. Für mich gab es keine Fahrkarte mehr, deshalb lag ich als Kleinste stundenlang oben im Gepäcknetz, durch Taschen und Mäntel vor den Blicken der Kontrolleure verdeckt. Meine Mutter war von da an auf sich allein gestellt, sie wusste nicht, was sie erwartete und vor allem, wie sie ihre drei Kinder durchbringen konnte.

Auf der Flucht von Ostpreußen über Prag nach Österreich waren wir mehrere Tage lang unterwegs, immer mit der Angst vor dem Ungewissen, dass etwas Unvorhergesehenes passieren könnte. In Prag mussten wir den Zug verlassen, da er nicht mehr weiter fuhr. Auf dem Prager Bahnhof waren Massen von Menschen, die ebenso wie wir auf der Flucht waren. Wir wurden kurzzeitig von unserer Mutter getrennt, weil sie nach einer Möglichkeit suchte weiterzufahren. Mein Bruder bekam panische Angst davor, sie nicht wiederzufinden, er schrie die ganze Zeit, und auch ich war wie gelähmt. Aber irgendwie und -wann ging es mit anderen Zügen und Bussen weiter, bis wir auf Umwegen endlich in Österreich ankamen.

Meine sonst so liebevolle Mutter sprach die ganze Zeit über kein Wort, sie hatte auch das Lachen verlernt. Sie drückte uns Kinder nur an sich, um uns ein wenig Sicherheit zu geben. Ich hätte sie gerne getröstet, auch wenn ich selbst Trost gebraucht hätte, weil ich nicht verstehen konnte, was gerade geschah.

Als wir in Österreich ankamen, stellte uns eine mitleidige Gräfin ein Zimmer in ihrer schönen alten Villa zur Verfügung, und wir fühlten uns gerettet. Aber diese Sicherheit dauerte nur zwei Monate, dann traf eine amerikanische Bombe die Villa und zerstörte sie völlig. Ich war mehrere Stunden unter Trümmern verschüttet, bis meine ältere Schwester mich vermisste und schließlich fand.

Zwei unbeschwerte Monate in der schönen alten Villa Korb in Österreich, bis das Haus durch eine amerikanische Bombe zerstört wurde

Meine Mutter musste wieder nach einer neuen Bleibe suchen. Und auch da fand sie mitleidige Menschen, ganz oben auf einem Berg bei einem Bauern und seiner Schwester. Meine Mutter half dafür auf dem Acker und im Haus und und strickte Jacken mit einer besonderen Strickart, die sie verkaufte. Sie hatte in der Eile der Flucht keine Ersatzkleidung für uns Kinder mitnehmen können, deshalb waren wir froh über die Sachen, die uns von anderen Menschen überlassen wurde, deren Kinder bereits herausgewachsen waren. So hatten wir wenigsten etwas Warmes gegen die Kälte.

Während der letzten Kriegstage in Österreich

Nach Kriegsende im Mai 1945 mussten wir als Deutsche Österreich verlassen und waren weiterhin auf der Suche nach einer Unterkunft. Meine Mutter fand in Oberbayern ein kleines Zimmer in einem Gasthaus, ein Kriegskamerad meines Onkels hatte ihr dabei geholfen. Dafür arbeitete meine Mutter in der Küche und auf den Feldern mit. Es waren Arbeiten, die sie nicht gewohnt war, die sie aber gerne annahm, um mit uns Kindern zu überleben, denn mein Vater arbeitete im Rheinland, da er in Oberbayern keine Arbeit fand.

Wie ich später erfuhr, waren wir als Flüchtlinge in Oberbayern bei vielen unerwünscht, hinzu kam, dass wir nicht katholisch waren. Ich merkte davon nicht viel, aber meine Schwester litt sehr darunter und erzählte mir später davon, drei Jahre Altersunterschied machen in der Kindheit hinsichtlich der Wahrnehmungen viel aus.

Ein Foto für meinen Vater, der von uns getrennt lebte, weil er in Bayern keine Arbeit fand (ich bin in der Mitte)

Drei Jahre später, als mein Vater endlich eine Wohnung für uns alle fand, siedelten wir nach Nordrhein-Westfalen über und bekamen wiederum einen Ausweis, der uns als Flüchtlinge kennzeichnete, dieses Mal von der Britischen Zone NRW (in Bayern war es die amerikanische Besatzungszone).

Flüchtlingsausweis aus NRW,

Meine Mutter sprach nie mit uns Kindern über die Erlebnisse während des Krieges, auch mein Vater nicht, als er noch vor Kriegsende verwundet zurück kam. Wie ich erfahren habe, waren die meisten Menschen, die einen Krieg in aktiver oder passiver Weise erleben mussten, nicht in der Lage, über die Erlebnisse in dieser schrecklichen Zeit zu sprechen, obwohl es für sie – und auch für andere – hilfreich gewesen wäre.

Ich habe insgesamt sehr großes Glück gehabt, dass ich – ebenso wie meine Familie – den Krieg überlebt habe, ich weiß von so vielen, die es nicht geschafft haben. Ich denke dabei vor allem an unser geliebtes polnisches Kindermädchen, das trotz unserer flehentlichen Bitten, mit uns in Richtung Westen zu fliehen, nicht mitkommen wollte. Sie hatte vor, zu ihrer alten Mutter nach Polen zu fahren, weil sie sie dort nicht allein lassen wollte. Sie ist nie in Polen angekommen, sie ist vorher grausam zu Tode gekommen.

Die Erinnerungen an die Erlebnisse während der Kriegs- und Nachkriegszeit haben mich nie ganz losgelassen, aber ich habe mich insgesamt gut arrangieren können und das große Glück gehabt, dass ich immer liebenswerte Menschen getroffen habe, die mir geholfen haben. So bin ich in jungen Jahren allein durch Süd- und Mittelamerika gereist und konnte meist kostenlos bei Leuten übernachten, die ich unterwegs getroffen habe und die mir auch weiter geholfen haben, wenn es nötig war.

Es ist sehr traurig, dass durch Putins mörderischen Krieg das ganze Volk der Russen in Geiselhaft genommen wird. Selbst Menschen aus Russland, die seit vielen Jahren oder Jahrzehnten in Deuschland leben, arbeiten und die deutsche Staatsbürgerschaft haben, erzählten mir davon. Auch wir als Deutsche wurden jahrzehntelang stigmatisiert, zum Teil geschieht das auch heute noch, nach so vielen Jahrzehnten. Als ich vor kurzem eine junge Frau im Zug traf, die ein Buch über den Nazionalsozialismus las, erzählte sie mir, dass sie in Italien als Nazi beschimpft worden sei, obwohl sie erst Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg geboren war. Jetzt wollte sie wissen, was genau in der Nazizeit passiert war.

Auch mein Mann war ein Kriegskind und musste aus Berlin über mehrere Umwege nach Norddeutschland flüchten. Seine Erfahrungen sind jedoch völlig anderer Art als meine. Aber wir beide haben nie vergessen, was es heißt, einen Krieg zu erleben, arm zu sein und Hunger zu haben, deshalb versuchen wir im Rahmen unserer Möglichkeiten zu helfen, wo immer es geht.

Mir ist vor einiger Zeit besonders klar geworden, was meine Mutter – wie so viele andere Mütter – während des Krieges an fast Unmenschlichem geleistet hat und wie sehr sie über sich selbst hinausgewachsen ist. Wenn es ganz schlimm wurde, sagte sie immer den schönen Spruch: „Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Sie glaubte fest daran, und es ist auch irgendwie immer etwas Positives geschehen.

Auch ich erlebte ein kleines Wunder: ich hatte bei der Flucht aus Ostpreußen meinen kleinen Stoffhasen mitnehmen können, der aber nach der Bombardierung der Villa am See in Österreich nicht mehr auffindbar war. Für mich war es schlimm, es war die einzige Erinnerung, die ich hatte retten können, und ich war dementsprechend traurig. Eines Morgens kam eine Frau den langen Weg zum Bergbauern hoch, bei dem wir untergebracht waren, und übergab mir mein geliebtes Kuscheltier. Sie hatte das Stofftier beim Wegräumen des Schutts der zerstörten Villa gefunden. Ich war überglücklich und getröstet. Auch später gab es für uns immer wieder solch kleine Wunder.

41 Kommentare zu „Kriegskinder – niños de guerra

  1. Liebe Marie, wie sich Bilder und Lebensgeschichten gleichen. Obwohl die Umstände damals grausam waren, zeugen die Fotos nach außen hin von einer kindlichen Unbeschwertheit. Das sind sehr schöne Momentaufnahmen von einer Familie, die sich niemals aufgegeben hat.

    Danke für Deine Geschichte, die sich leider für viele Menschen im Moment wiederholt. Wie pervers ist das: man wird ermordet, wenn man niemanden ermorden will.

    Liebe und nachdenkliche Grüße, Gisela

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    1. Liebe Gisela, vielen Dank für Deine netten und einfühlsamen Worte. Es ist tatsächlich so, dass sich die Geschichte manchmal wiederholt. Es hat sich aber immer wieder gezeigt, dass es Menschen gibt, die die Kraft haben, durchzuhalten und wieder neu anzufangen.
      Liebe Grüße, Marie

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    1. Vielen Dank für Deine Worte. Es ist traurig, dass Größenwahnsinniger ausreicht, um so viel Leid zu verursachen, sofern er genug Vasallen findet, die ihm treu ergeben sind. Liebe Grüße, Marie

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      1. Schlimm finde ich auch liebe Marie…heute Morgen hat der President der Ukraine eine Ansprache gehalten und im Anschluss danach hat man einer Abgeordneten zum Geburtstag gratuliert. Nur weil es Tagesordnung war. Das wirkt oberflächlich.

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  2. Liebe Marie, mir stehen die Tränen in den Augen – wie wichtig, dass Du Deine Geschichte, die Deiner Familie, Deiner Geschwister gerade JETZT mit uns teilst. Tief bewegt – DANKE – und wie schön, dass es Dich gibt!

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    1. Liebe Christa, vielen Dank Dir sehr für Deine netten und einfühlsamen Worte, ich habe mich sehr darüber gefreut. Es scheint mir wichtig zu sein, gerade jetzt über die Zeit als „Kinder des Zweiten Weltkrieges“ zu berichten, da es wieder Kriegskinder in und außerhalb der Ukraine gibt, die solch eine grausame Zeit durchmachen müssen.
      Liebe Grüße, Marie

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  3. liebe Marie, mich hat Deine Geschichte Tief bewegt. Meine Schwiegermutter hat mir zu Lebzeiten sehr viel von ihrer Vertreibung erzählt und ich finde Kriegserlebnisse sind graußam und die bräuchten wir in der heutigen Zeit wirklich nicht mehr. Liebe Grüße Traudl

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    1. Liebe Traudl, vielen Dank für Deine einfühlsamen Worte. Wir brauchen diese Erlebnisse wirklich nicht mehr, aber es wird leider immer wieder solche Despoten geben, die den Frieden in der Welt stören.
      Liebe Grüße
      Marie

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    1. Vielen Dank, liebe Maria. Es schien mir richtig, den Beitrag gerade jetzt zu schreiben, um ein wenig die Situation der geflüchteten Kinder aus der Ukraine zu schildern, die jetzt Ähnliches erleben müssen.
      Liebe Grüße, Marie

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    1. Molto grazie per il tuo commento. È molto triste ma vero che l’uomo non impara dalle esperienze del passato e che sono i bambini ad essere strappati in questo vortice oscuro. Possiamo solo sperare che questa guerra finisca presto. Ti auguro una buona settimana. Marie

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  4. Sehr ergreifend, deine Geschichte, liebe Marie. Sie gibt einem eine Vorstellung darüber, was die Menschen in der Ukraine jetzt durchmachen. Es ist sicher nicht leicht über so persönliche Dinge zu schreiben. Danke dafür!
    Lieben Gruß von Maria :)

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    1. Vielen Dank für Deine einfühlsamen Worte, liebe Maria. Du hast recht, es ist mir nicht leicht gefallen, über die damaligen Ereignisse zu schreiben, aber ich möchte mit dem Beitrag eine ungefähre Vorstellung vermitteln, was die Menschen in der Ukraine zur Zeit durchmachen müssen. Liebe Grüße, Marie

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  5. Vielen Dank für deine Geschichte. Ich habe zwar selbst noch keinen Krieg erlebt, aber meine Eltern bzw. Großeltern haben darüber nicht viel erzählt. Ich weiß nur, dass auf dem Bauernhof meiner Großeltern auch Flüchtlinge gewohnt haben. Durch deine Erzählung bleibt Geschichte lebendig und das ist – glaube ich – sehr wichtig! Liebe Grüße an dich
    Ingrid

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    1. Ganz herzlichen Dank für Deine netten Worte, liebe Ingrid. Ich halte es auch für wichtig, erlebte Geschichte aufzuschreiben. Ich habe die Erinnerungen an die Kriegszeit ganz bewusst jetzt geschrieben, damit man besser verstehen kann, was die Menschen in der Ukraine zur Zeit durchmachen müssen. Liebe Grüße, Marie

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