Street Art für die Nachbarschaft

Noch vor nicht allzu langer Zeit hätten diese kleinen Kunstwerke keine Chance gehabt, den nächsten Tag zu überdauern. Auch ohne Regen wären sie verschwunden, von Menschenhand entfernt worden. Desgleichen hätten die kleinen Pflänzchen in den Fugen keine Möglichkeit gehabt, sich zu entfalten. Das alles entsprach nicht dem Ordnungssinn der früheren Nachbarin, der auch nicht vor den Grenzen der Nachbarn Halt machte. Das hat sich jetzt komplett geändert, es weht ein völlig neuer Wind, und es ist Leben in die Straße gekommen.

Dass die neuen Nachbarn von gegenüber enorm freundlich und hilfsbereit sind, haben wir bereits kurz nach ihrem Einzug festgestellt. Und nicht nur wir, auch mehrere andere haben es selbst erlebt. Deshalb freute ich mich darüber, dass sie in so netter Form von einer Freundin der Familie auf dem Pflaster porträtiert wurden: der kleine Ben und seine Mama, beide fröhlich lächelnd, auch Bella gehört dazu, der kleine Hund der Familie, der zwar nicht mehr ganz jung ist, aber immer noch wie ein Wiesel durch alle Gärten flitzt, jeden freundlich begrüßt und dabei heftig mit dem Schwanz wedelt. Jeder freut sich darüber, wenn das kleine Energiebündel angerannt kommt und gute Laune verbreitet.

Bella, der kleine Hund der Nachbarn

Auch sonst hat sich vieles zum Positiven verändert, seit einige der neu zugezogenen jungen Nachbarn die Idee hatten, alle Nachbarn der Straße zu einem Straßenfest einzuladen. Jeder, der es irgendwie ermöglichen konnte, war gekommen. Das erste Zusammentreffen fand im letzten Winter statt, als es draußen sehr kalt war. Deshalb verschwanden gelegentlich einige der Nachbarn für kurze Zeit, um sich im Haus schnell aufzuwärmen, danach kehrten sie aber sofort wieder zurück, um sich weiter zu unterhalten und teilweise neu kennenzulernen. Es war so, als ob – symbolisch gesehen – jemand einen Schalter umgelegt hätte, so dass es plötzlich hell und freundlich wurde. Es wurden Türen geöffnet, die vorher verschlossen schienen, und man stellte fest, dass die Leute, die in den verschiedenen Häusern der Straße wohnten, sich alle als sehr nett und aufgeschlossen erwiesen.

In einem der Vorgärten steht inzwischen eine „Kommunikationsbank“ für Gespräche verschiedenster Art.

Ende Juni wurde ein zweites Straßenfest veranstaltet, zu dem jeder etwas zu essen und zu trinken mitbrachte und das bis tief in die Nacht dauerte. Man grüßt sich jetzt, wo früher einige aneinander fast grußlos vorbei gingen, bleibt stehen, um sich zu unterhalten und am Leben der anderen teilzunehmen. Die Straßen und Bürgersteige sind jetzt bunter geworden, hübsch bemalt mit Zeichnungen, über die sich jeder freut.

Die kleinen Kinder können sich inzwischen gefahrlos auf der Straße bewegen, weil jeder weiß, dass die Kinder dort spielen. Deshalb fahren die Autofahrer bewusst langsam.

Es ist eine neue Form von Street Art, eine Straßen-Kunst der besonderen Art, die Menschen auf der Straße zusammenzubringen, die Straße zu beleben und mehr Empathie zu zeigen. Während sich früher fast ausschließlich Nachbarn in ähnlichem Alter trafen und Feste zusammen feierten, ist es jetzt unerheblich, wie alt die einzelnen Nachbarn sind, es sind immer alle Altersstufen vertreten, die nun zusammen sitzen und sich etwas zu sagen haben. Es hat sich glücklicherweise vieles zum Positiven verändert.

Es wäre schön, wenn dieses Beispiel der „Street Art“ – der Kunst, die Nachbarschaft in positivem Sinne zu beleben – auch in vielen anderen Orten Schule macht. Dann ginge es vielerorts auch freundlicher und menschlicher zu.

22 Kommentare zu „Street Art für die Nachbarschaft

  1. Liebe Marie, dein herzerwärmender Beitrag ist Balsam für die krisengeplagte Seele, die wir wie zwangsverordnet alle haben, und besonders freue ich mich, weil es nun schon der zweite dieser Art innerhalb weniger Tage ist. Da scheint also was dran zu sein, es gibt sie noch, die positiven Entwicklungen. Unbeschwertes Miteinander als Gegenentwurf zu omnipräsentem Abgrenzen und Ausgrenzen. Ich bin mir sicher, Sophie aus Berlin hat nichts dagegen, wenn ich hier auf ihren aktuellen Beitrag verweise: https://sophiebloggt.com/2022/08/31/zum-ersten-mal-hoffest/
    LG Anke

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    1. Vielen Dank für Deine netten Worte, liebe Anke, die mir aus der Seele sprechen. Ich habe mir den lesenswerten Beitrag von Sophie angesehen, konnte aber aus irgendeinem Grund nicht kommentieren. Von solchen Beispielen von Nachbarschaftsfesten müsste es mehr geben, allerdings muss erst einer immer die Initiative ergreifen, es lohnt sich aber immer.
      LG Marie

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  2. Liebe Marie, Kinder, die auf der Straße spielen, sieht man hier fast gar nicht mehr. Kreidezeichnungen kenne ich auch. Die blieben erhalten bis der nächste Regen kam. Habe ich lange nicht mehr gesehen. Danke für die Erinnerungen und liebe Grüße zu Dir, Gisela

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    1. Vielen Dank für Deine nette Worte, liebe Gisela. Da hast Du recht, es gibt kaum noch Kinder, die auf der Straße spielen oder dort malen, sei es, weil es wegen des Verkehrs zu gefährlich ist, oder digitale Medien interessanter sind.
      Liebe Grüße und Dir einen schönen Sonntag, Marie

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    1. Die Phantasie von Kindern ist enorm und unbegrenzt, manchmal kommen richtige kleine Kunstwerke zustande. Es ist schade, dass man solche Zeichnungen auf den Straßen und Bürgersteigen so selten sieht, ich freue mich immer darüber, wenn ich sie sehe.

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      1. Danke Marie,

        Kreidezeichnungen auf den Gehwegen habe ich in letzter Zeit häufiger wahrgenommen. Manchmal zeichnen diverse Gruppen. Dann wieder Kinder. An einer Straße mit jungen Familien fand ich vor einer Weile die Einladung zu einem Flohmarkt zugunsten der Ukraine sehr berührend.
        Schönen Sonntag
        Bernd

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  3. Vielen Dank für das Teilen dieser süßen Nachbarschaftsszenen. Wenn wir einander als Nachbarn betrachten und nach der Goldenen Regel leben könnten („Behandle andere so, wie du möchtest, dass sie dir tun“), wäre die Welt ein besserer Ort. LG, A.

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