Cristo Redentor auf dem Corcovado in Rio de Janeiro

Bereits seit 1931, seit nunmehr 90 Jahren, breitet Cristo Redentor, Christus der Erlöser, auf dem 710 m hohen Morro do Corcovado in Rio de Janeiro seine Arme aus, um die ganze Stadt und seine Bewohner, die Cariocas, zu umarmen und zu beschützen. Tag und Nacht kann man die Christusstatue von fast allen Stadtteilen Rios aus sehen, auch vom Zuckerhut und von den vielen Inseln in der Guanabara-Bucht. Die Statue ist eine von den Neuen Sieben Weltwundern, sie ist zweifellos nicht nur die beeindruckendste Sehenswürdigkeit Brasiliens, sie gehört auch zu den berühmtesten Wahrzeichen der Welt.

„Cristo Redentor auf dem Corcovado in Rio de Janeiro“ weiterlesen

Quito – „Talita Kumi – caminos de esperanza“

Ecuador, das Land am Äquator im Nordwesten Südamerikas, ist ein faszinierendes Land mit völlig unterschiedlichen Gebieten. Ich habe die verschiedenen Regionen während einer Reise in den 1960er Jahren kennengelernt und war davon so angetan, dass ich das Land Jahre später noch einmal mit meinem Mann besuchte. Ich habe jedoch nicht nur positive Eindrücke mitgenommen, schon bei meiner ersten Reise hat mich die Situation vieler jungen Mädchen und Frauen, die ich hautnah miterlebte, sehr bedrückt, besonders in Quito, der Hauptstadt Ecuadors.

Leben auf der Straße: Junge Mutter mit Sohn (auf den Rücken gebunden) 

Quito liegt auf einer Höhe von 2850 m, durch die Lage am Äquator gibt es keine unterschiedlichen Jahreszeiten. Wenn die Sonne schien, empfand ich es bei Temperaturen um die 20 Grad als angenehm. Wenn es jedoch regnete – und das war oft der Fall –, konnte es empfindlich kühl und unangenehm werden. Das machte die Lage für die auf der Straße lebenden Mädchen und Frauen noch unangenehmer.

Bei der Arbeit oder beim Einkaufen ist das Kind ständig dabei

Das Bild der jungen Frau, die den ganzen Tag mit ihrem kleinen Mädchen direkt hinter dem zerbeulten Linienbus auf dem Asphalt saß, hat mich nicht mehr losgelassen. Ich sah sie jeden Tag, wenn ich vorbeikam. Sie saß viele Stunden lang auf dem Asphalt mit ihrem Kind, um dessen Kopf sie schützend die Hand gelegt hatte, und versuchte, durch den Verkauf von Kartoffeln etwas Geld  für ihren Lebensunterhalt und den ihrer kleinen Tochter zu verdienen. Ich sah sie morgens und viele Stunden später ebenfalls, praktisch immer in derselben Haltung. Ihr kleines Mädchen saß geduldig auf ihrem Schoß, es blieb ihm auch nichts anderes übrig. Ich unterhielt mich mit der jungen Frau, und sie erzählte mir, dass sie erst 18 Jahre alt sei. Sie war von ihrem eigenen Onkel missbraucht worden, der sich später weder um sie noch um das gemeinsame Kind gekümmert hatte.

Junge Mutter mit Kleinkind auf der Straße (links hinter dem Bus)

Fast noch schlimmer als die Vergewaltigung war für sie die Angst, ihr Kind nicht ernähren zu können. Diese Sorge teilte sie mit vielen anderen jungen Müttern. Deshalb versuchen oft Familienangehörige, den jungen Müttern den Gelderwerb zu ermöglichen, indem sie zeitweise die Kinder übernehmen. Auf dem Foto oben in der Mitte ist eine Großmutter zu sehen, die ihr Enkelkind auf dem Arm mitgenommen hatte, weil die Mutter des Kindes Geld verdienen musste.

Ich sah immer wieder Männer am Straßenrand liegen, die sich mit dem preiswerten „Aguardiente“, einer Art Zuckerrohrschnaps, der oft mit Agavenschnaps gemischt wurde,  betrunken hatten. Den Frauen blieb es überlassen, sich um die Kinder und das Überleben der Familie zu kümmern. Deshalb bekamen viele Kinder, wie das kleine Mädchen, das  rechts am Straßenrand auf dem Boden saß, nicht die Aufmerksamkeit, die sie gebraucht hätten, sie waren sich stundenlang selbst überlassen. Möglichkeiten einer geeigneten Schul- oder sonstigen Bildung oder einer Kinderbetreuung gab es für diese Kinder meist nicht.

Betrunkener links, kleines Mädchen rechts, das sich selbst überlassen ist 

Eine Lehrerin, die ich in Quito kennenlernte, erzählte mir, dass sie sich intensiv mit dem Thema „Machismo“ beschäftigt hatte. Sie sagte mir, dass die Lage der jungen Mädchen und Frauen in Ecuador zum großen Teil durch den immer noch dominierenden „Machismo“ bestimmt wird. Männliche Dominanz und Gewalt gegen Frauen sind in Ecuador wie auch in vielen anderen Ländern Lateinamerikas weit verbreitet.  Zahlreiche Männer sehen die Frauen nicht als Personen, sondern als Objekte, als ihren persönlichen Besitz, über den sie nach Belieben verfügen können. Wenn diese Frauen ihre Stimme erheben, wenn sie ihre eigene Meinung vertreten wollen, dann glauben die betreffenden Männer, sie würden die Kontrolle  über die Frauen verlieren, dadurch entstünde oft Gewalt. Viele dieser Männern sind davon überzeugt, dass sie sogar das Recht hätten zu töten, wenn sie es wollten. Die Lehrerin nannte es ein „übersteigertes Gefühl männlicher Überlegenheit und Vitalität“. Das hatte sie nicht nur in Ecuador erlebt, sondern auch in anderen lateinamerikanischen Ländern, die sie besucht hatte. Diese Einschätzung wurde auch von vielen anderen Frauen und Männern geteilt, mit denen ich sprach und die sich mit dem Thema „Machismo“ beschäftigt hatten.

Straßenszene in Quito

In Quito leben zehntausende Jugendliche auf der Straße oder in anderen Risikosituationen. Besonders Mädchen sind von Gewalt, Ausbeutung und Missbrauch betroffen. Bis vor einiger Zeit gab es für diese jungen Mädchen keine Anlaufstellen, bei denen sie Unterstützung erhalten konnten. Seit 1987 gibt es jedoch für sie eine Perspektive: das Hilfsprojekt „TALITA KUMI – Caminos de Esperanza“, gegründet von der Deutschen Thekla Amen, die seit 1978 mit ihrem Mann in Ecuador lebt. Sie erlebte immer wieder, wie sehr alle möglichen Formen von Gewalt, Chancen- und Hoffnungslosigkeit das Leben vieler Mädchen prägen, deshalb war und ist für sie dieses Projekt eine Herzensangelegenheit. Die Einrichtung TALITA KUMI zählt bis heute zu den wenigen Hilfseinrichtungen, die es hier für Mädchen und junge Frauen zwischen 12 und 18 Jahren gibt. 

Thekla Amen

„Caminos de esperanza“ bedeutet so viel wie „Wege der Hoffnung“, und das ist eine sehr gute Beschreibung für das Ziel des Projektes. Mädchen, aus einem schwierigen sozialen Umfeld werden dort in den zwei Häusern des Projekts aufgenommen und „aufgerichtet“, vor allem wird ihnen Hoffnung auf eine bessere Zukunft gegeben. In den beiden Häusern von TALITA KUMI in Quito finden Mädchen und junge Frauen im Alter zwischen 12 und 19 Jahren, oft auch mit Kindern, Schutz, Beratung und persönliche Annahme. In den Häusern können sie für eine begrenzte Zeit Unterkunft, Verpflegung und Hilfe vieler Art erhalten. Wichtig ist, dass mit ihnen gemeinsam Perspektiven für ihr Leben entwickelt und entsprechende Wege gegangen werden, damit sie aus ihren Schwierigkeiten finden können. Die Mädchen sind von Anfang an mitverantwortlich für „ihr Haus“ und beteiligen sich an allen Alltagsaufgaben. Sie erhalten gleichzeitig ausreichend Gelegenheit für erzieherische und kreative Aktivitäten.

Gemeinsames Backen zu Corona-Zeiten

Neben der individuellen Beratung können die Mädchen auch medizinische, juristische und psychologische Hilfen erhalten. Die Arbeit ist auf Selbsthilfe, Langfristigkeit und Nachhaltigkeit angelegt. Seit 2006 wird das Projekt von der „Fundación Caminos de Esperanza – TALITA KUMI“ geleitet. Als Träger der Einrichtung TALITA KUMI wurde 2016 die zivilrechtliche und gemeinnützige Fundación “Caminos de Esperanza – TALITA KUMI” begründet.

Das Ehepaar Thekla und Klaus Amen hat über persönliche Kontakte und Beziehungen nach Deutschland die Finanzierung der Einrichtung möglich gemacht. 2004 wurde als Partner der Fundación in Ecuador der Ökonomische Arbeitskreis TALITA KUMI e.V. als gemeinnütziger Verein in Deutschland gegründet. Mit den Verantwortlichen in Quito bestehen enge regelmässige schriftliche und persönliche Kontakte. Thekla Amen ist auch heute noch die Verbindungs- und Vermittlungsinstanz zwischen Ecuador und Deutschland. 

Besuch aus Deutschland: D. Dördelmann und S. Bodenbrenner 

Der gemeinnützige Verein TALITA KUMI e.V. bemüht sich darum, die finanziellen Mittel zur Durchführung der Arbeit durch Gewinnung neuer Mitglieder und Förderer zu beschaffen. Zahlreiche ehrenamtliche Mitglieder helfen mit enormen Einsatz dabei, durch vielerlei Aktivitäten und Aktionen die Arbeit der TALITA KUMI in Quito auf eine dauerhafte Grundlage zu stellen.  So wird unter anderem jedes Jahr eine größere Anzahl von TALITA KUMI-Kalendern verkauft, die gleichzeitig Lose für die von Geschäftsleuten gespendete Preise sind. Der Kalender 2020 wurde von der 15jährigen Zohra gemalt, er verdeutlicht in besonderer Weise das Anliegen von TALITA KUMI:  „niña levántate“ (Mädchen steh auf!, der Spruch ist dem Markusevangelium in der Bibel entnommen).

Auch der Erlös aus dem Verkauf von Weihnachtsbäumen, der jedes Jahr im Dezember stattfindet, sowie der Verkauf von Artikeln aus Ecuador und gespendeter Erzeugnisse bei allen möglichen Ereignissen kommt TALITA KUMI zugute. Auch viele andere Aktionen von TALITA KUMI e.V. helfen, die Einnahmesituation zu verbessern.

Weihnachtsbaumverkauf unter Corona-Bedingungen im Dezember 2020

Verkauf von Ecuador-Artikeln in Deutschland Dezember 2020

Gewebte Taschen aus Ecuador

Durch die soziale Arbeit in der Einrichtung TALITA KUMI wird Mädchen und jungen Müttern die Möglichkeit gegeben, in einer familienähnlichen Atmosphäre ihre Probleme zu erkennen und zu bewältigen. Gemeinsam mit ihnen werden neue, stabile und langfristige Perspektiven für ihren weiteren Lebensweg erarbeitet. Dabei wird die urspüngliche Familie nach Möglichkeit in die Erziehungsarbeit mit einbezogen. Neben der individuellen Beratung können die Mädchen und wenn vorhanden Kinder auch medizinische, juristische und psychologische Hilfen erhalten.

Die Corona-Pandemie hat auch TALITA KUMI in Quito hart getroffen. Seit März des Jahres dürfen die Mädchen nicht mehr ihr Domizil verlassen. Diese Situtation ist für sie sehr schwer, vor allem weil sie zu ihrer wichtigsten Bezugsperson Thekla Amen keinen direkten Kontakt haben dürfen. Auch Thekla Amen leidet unter den fehlenden persönlichen Kontakten, den Umarmungen, dem Spenden von Trost und anderem. »Für mich sind die Mädchen mein Leben«, sagt Thekla Amen. Als „vulnerable Person“ lebt sie abseits von den Mädchen in ihrem Haus. Aber trotz ihrer inzwischen mehr als 80 Jahre ist sie den ganzen Tag mit der Arbeit für TALITA KUMI am Computer beschäftigt und ist auf diese Weise zumindest digital mit den Mädchen und den Mitarbeitern der Einrichtung verbunden.

An für sich hatte ich vor, im März 2020 für einige Zeit in Quito bei TALITA KUMI zu verbringen, um ein wenig denjenigen jungen Mädchen und Frauen zu helfen, die schulische oder sonstige Schwierigkeiten haben. Das hätte mir viel Freude gemacht. Wegen der Pandemie musste ich diesen Plan erst einmal verschieben, in der Hoffnung, dass es in absehbarer Zeit möglich ist.

 

 

 

 

 

Salvador da Bahia – „funkelnder Smaragd Brasiliens“

„Perle Brasiliens“, „Schwarze Seele Brasiliens“, „Kleinod Brasiliens“, es gibt viele Bezeichnungen, durch die Salvador da Bahia unter allen Städten Brasiliens als etwas Besonderes herausgehoben wird. Einigkeit besteht darin, dass Salvador da Bahia mit seiner afrobrasilianischen Kultur und seinem kolonialen Erbe zu den schönsten Städten Brasiliens zählt. Auf jeden Fall ist es für mich die bunteste und lebendigste Stadt, die ich in Brasilien kennengelernt habe. In der nach Rio de Janeiro und São Paulo drittgrößten Stadt  gibt es zahlreiche prächtige Kirchen, liebevoll restaurierte Kolonialhäuser, bunte Märkte mit bahianischem Kunsthandwerk sowie die religiösen und musikalischen Traditionen, die bis heute erhalten sind; achtzig Prozent der Einwohner von Salvador da Bahia haben afrikanische Vorfahren.

„Salvador da Bahia – „funkelnder Smaragd Brasiliens““ weiterlesen

Gletscher, die nicht schmelzen – Perito Moreno

Trotz Klimawandel und Erderwärmung gibt es sie noch, die Gletscher, die nicht schmelzen, sondern im Gegenteil immer noch wachsen. Einer von diesen wenigen Gletschern ist der Perito-Moreno-Gletscher, der zu den gewaltigsten Gletschern des Campo de Hielo Sur gehört, des größten Gletschergebietes der südamerikanischen Anden. Er befindet sich in Patagonien im Süden des amerikanischen Kontinents und ist eine der spektakulärsten Natur-Sehenswürdigkeiten. Jenseits der Pole bildet er den größten Gletscher im Inland und ist schon allein deshalb ein Ereignis der Superlative. 

„Gletscher, die nicht schmelzen – Perito Moreno“ weiterlesen

Olinda – „die Schöne“ – im Nordosten Brasiliens

Olinda gilt zu Recht als eine der schönsten Städte in Brasilien. “Ô, linda posição para uma vila!“ – Oh, welch schöner Ort für eine Stadt – soll der erste Gouverneur ausgerufen haben, als er in Brasiliens ankam. Sein Ausruf “Ô, linda”, die Schöne, wurde zum Namen der Stadt. Olinda liegt etwas unterhalb von Natal, der nordöstlichsten Spitze von Brasilien, auf mehreren Hügeln verteilt inmitten von tropischer Landschaft. Die schöne Stadt wurde 1535 von den Portugiesen gegründet und ist damit eine der ältesten Städte in Brasilien; sie ist die erste Hauptstadt des Bundesstaates Pernambuco. „Olinda – „die Schöne“ – im Nordosten Brasiliens“ weiterlesen

Abenteuer Südamerika in den 1960er Jahren

Das Jahr, das ich in den 1960er Jahren in Südamerika verbrachte, hat mein Leben vollständig verändert. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich nicht mehr vorwiegend fremdbestimmt, sondern frei und unabhängig. Dazu musste ich allerdings erst volljährig werden, sonst hätte mein Vater mir nicht erlaubt zu fahren.

Die ersten zwanzig Jahre meines Lebens waren meist nicht schön. Ich wurde während des zweiten Weltkriegs im früheren Ostpreußen und jetzigen Russland geboren. Meine behütete Kindheit dauerte allerdings nicht lang, wir mussten vor der Roten Armee nach Österreich fliehen. Dort zerstörte eine amerikanische Fliegerbombe das Haus, in dem wir untergekommen waren, und ich war einige Stunden verschüttet. Nach Kriegsende wurden wir als Deutsche aus Österreich vertrieben, und so landeten wir in Oberbayern, ohne Besitz und als Flüchtlinge unerwünscht. Manchmal habe ich gehungert, und ich war sehr ängstlich. Als mein Vater nach mehr als drei Jahren endlich eine Stelle im Rheinland fand, zogen wir dorthin. Es war nicht leicht mit einem sehr autoritären und cholerischen Vater. Ich habe immer versucht, mich möglichst unsichtbar zu machen, weil ihm gelegentlich „die Hand ausrutschte“. Auch die meisten Lehrer waren autoritär und duldeten keine eigene Meinung. Nach dem Abitur musste ich auf Anordnung meines Vaters noch ein Jahr lang die Höhere Handelsschule besuchen, bevor ich studieren konnte; damals war man erst mit 21 Jahren volljährig.

Während der Semesterferien arbeitete ich oft bei der Firma Bayer Leverkusen AG im Sekretariat. Dort sah ich kleines Buch, in dem alle Filialen der Bayer-Vertretungen im Ausland aufgelistet waren, unter anderem auch die Filialen von Mexiko und Argentinien. Ich hatte immer viel über ferne Länder gelesen und wollte gerne das sechsmonatige Praktikum, das ich für das Studium benötigte, in einem dieser beiden Länder machen.

Ich schrieb einfach beide Vertretungen an. Von der Vertretung in Mexiko-City hörte ich lange nichts (eine positive Antwort kam erst nach 4 Monaten), von der Bayer-Vertretung in Buenos Aires bekam ich dagegen umgehend eine Zusage. Sie wollten mich für sechs Monate als Praktikantin beschäftigen, mir bei der Zimmersuche helfen und 300 DM pro Monat zahlen. Das scheint heute sehr wenig zu sein, damals reichte es bei bescheidener Lebensweise. Daraufhin bemühte ich mich um ein Reisekostenstipendium, das ich auch erhielt. Fliegen war damals utopisch teuer, aber es gelang mir, ein Ticket auf einem Auswandererschiff zu bekommen: 1850 DM kostete die Hin- und Rückfahrt, die restlichen 350 DM konnte ich hinzuverdienen. Ich konnte mein „Abenteuer Südamerika“ beginnen.

Auf dem Hauptbahnhof in Köln verabschiedete ich mich von meiner Mutter, die ihre Tränen kaum unterdrücken konnte, da sie befürchtete, mich nie wiederzusehen. Reisen in andere Länder außerhalb Europas waren damals fast unvorstellbar, besonders für eine junge allein reisende Frau wie mich. In Hamburg übernachtete ich in der Jugendherberge, da das Schiff von dort abfuhr. Nun war mir doch sehr mulmig zumute, ich war das erste Mal allein von zu Hause weg, dazu noch so weit und so lange.

Hamburger Hafen

Es war eine sehr einfaches Schiff. Die Kabinen waren kaum größer als 10 qm, jeweils 3 Stockbetten für insgesamt 6 Personen, für jeden eine Schublade unter den Betten. Es waren nur Geimeinschaftstoiletten vorhanden, ähnlich wie in einer Schule. Im „Speisesaal“ gab es Holztische und Holzbänke und vor allem ein Klavier, auf dem ich glücklicherweise spielen konnte. Alles war fest im Boden verschraubt, damit bei Sturm die Möbel nicht durch den Raum flogen. Als Luxus gab es ein „Schwimmbad“, es war ein ca. 3 mal 3 m großes Becken, das mit einer Plane ausgelegt war. Außer mir waren noch einige andere junge Leute an Bord, brasilianische Studenten, die in Paris studiert hatten und jetzt zurückkehrten, außerdem einige ungarische junge Leute und mehrere französische Studenten. Wir freundeten uns schnell an und unternahmen vieles gemeinsam, dadurch vergingen die drei Wochen wie im Flug.

Der erste Hafen, den wir anliefen, war Vigo in Nordspanien. Dort stiegen etwa 500 Auswanderer zu, die entweder Verwandte in Lateinamerika hatten oder die das „Abenteuer Auswandern“ wagten. Damit war das Schiff voll.

 

Vigo, Nordspanien

Kurz nach der Abfahrt von Vigo kam ein kleiner Sturm auf, und mehr als die Hälfte der Passagiere wurde dadurch seekrank. Viele von ihnen blieben noch tagelang in ihren Kabinen, auch als sich das Wetter längst wieder beruhigt hatte. Für mich und die anderen jüngeren Mitreisenden war das ein Vorteil, denn es wurde im Speisesaal und auf Deck wesentlich leerer, sogar als wir die Kanarischen Inseln längst hinter uns gelassen hatten.

In Las Palmas auf Gran Canaria, dem nächsten Halt unserer Schiffsreise, erkundete ich zusammen mit einigen der Studenten die interessante Insel. Für mich war es das erste Mal, dass ich kanarischen Boden betrat.

Schöne Strände auf Gran Canaria

Kirche im Inselinneren

Das Wetter blieb nach dem Auslaufen aus Las Palmas die ganze Atlantiküberquerung immer schön, und wir konnten das Schwimmbad benutzen. Als wir den Äquator überquerten, wurde eine Äquatortaufe veranstaltet, von der ich schon Schlimmes gehört hatte, denn diejenigen, die getauft werden sollten, bekamen einen Brei aus Mehl und Wasser in die Haare geschmiert und wurden anschließend in das Schwimmbecken geworfen. Das wollte ich nicht so gerne über mich ergehen lassen, deshalb kletterte ich in ein Rettungboot, von dem ich einen guten Überblick über die Zeremonie am Schwimmbecken hatte. Als man mich dennoch entdeckte, wollte ich schnell weg, brach mir aber in der Eile drei Rippen, die mich lange Zeit plagten. So wurde ich doch noch entgegen meinem Willen „getauft“. Die Mehl-Wasser-Mischung konnte ich später nicht vollständig aus den Haaren herauswaschen, ich musste einen Teil meiner damals langen Haar abschneiden.

Äquatortaufe auf dem Schiff

Danach fuhren wir vorbei an den brasilianischen Inseln Fernando de Noronha mit der markanten Silhouette in Richtung Brasilien.

Fernando de Noronha

Der erste Hafen, den das Schiff in Südamerika anlief, war Santos. Dort stiegen die meisten Studenten aus, um in irgendeine andere Stadt weiterzufahren, und es wurde fast leer auf dem Schiff. In wenigen Tagen würden wir Buenos Aires als letzte Station der Seereise erreichen, und ich begann, mir etwas Sorge zu machen. Was wäre, wenn mich im Hafen niemand von der Bayer-Vertretung erwarten würde, wenn es ein Missverständnis hinsichtlich des Ankunftsdatums gegeben hätte? Ich fragte mich, wieso ich so naiv sein konnte, mich in solch ein Abenteuer zu stürzen, ich hatte kaum Geld und vor allem kein Visum. Ohne Visum durfte ich argentinischen Boden nicht betreten.

Als wir in Buenos Aires ankamen, drängten sich die Passagiere an der Gangway, um nach der langen Seefahrt möglichst schnell von Bord zu kommen. Am Pier warteten bereits viele Leute, die winkten und den Ankommenden etwas zuriefen. Ein Passagier nach dem anderen verließ das Schiff, nur ich stand noch allein an Deck und versuchte vergeblich, am Pier jemanden entdecken, der mir ein Zeichen geben würde, dass er mich erwartete. Mich erwartete offensichtlich niemand, ich konnte das Schiff nicht verlassen. Die Schiffsbesatzung, mit der  ich mich während der langen Überfahrt gut verstanden hatte, versuchte mich zu trösten. Sie sagten, dass für die Rückfahrt noch Kabinen frei wären und dass ich nichts dafür bezahlen müsste. Ich brauchte nur etwas in der Küche helfen und zur Unterhaltung abends Klavier spielen. Das war sehr nett gemeint, aber es war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Ich konnte bereits das markante Gebäude des Edificio Kavanagh in der Nähe des Hafens sehen, aber ich durfte nicht an Land gehen. Ich wollte keineswegs zurück nach Deutschland, ich wollte endlich in Argentinien am „Ziel meiner Träume“ sein.

Edificio Kavanagh, Bahnhof und Hafen, im Hintergrund der Rio de la Plata

Plötzlich kam jemand vom Schiff freudestrahlend auf mich zu und sagte mir, dass unten zwei Herren der Bayer Argentina auf mich warteten. Sie waren schon einmal beim Einlaufen des Schiffes im Hafen gewesen, aber da sie mich unter den vielen Leuten nicht gesehen hätten, waren sie der Meinung, dass mich bereits jemand zu der nahe gelegenen Firma mitgenommen hätte. Da ich nicht dort war, waren sie zurückgekehrt. Ich kann kaum beschreiben, wie erleichtert und glücklich ich war.

Die Zeit in Argentinien war für mich insgesamt eine unbeschwerte und glückliche Epoche. Es war alles so anders als in Deutschland, die Menschen waren entspannter und freundlicher. Nur zu Beginn des Aufenthaltes gab es noch einen Tiefpunkt für mich. Man hatte für mich in der Nähe der Firma ein Zimmer bei einer alten, adligen Dame besorgt, die deutscher Herkunft war. Man glaubte, mir damit einen Gefallen zu tun, so hätte ich zunächst die Möglichkeit, deutsch zu sprechen und mich dann langsam einzugewöhnen. Mein Zimmer war sehr klein und dunkel, das einzige Fenster ging zu einem Lichtschacht, und es kam kaum Tageslicht hinein. Um ins Bad zu gelangen, musste ich das Wohnzimmer durchqueren, in dem sich fast Tag und Nacht die alte Dame befand und meine Tätigkeiten beobachtete. Als ich eines Nachts ins Bad wollte und dafür Licht anmachte, sah ich Hunderte von riesigen schwarzen Cucarachas auf dem Fußboden krabbeln, der ganze Boden war voll von ihnen, ich konnte kaum treten. Auch im Wohnzimmer waren die Tiere in Scharen, vor allem um den Teller mit dem Fressen für den Kater. Danach wurde ich richtiggehend krank, ich bekam hohes Fieber und fühlte mich sehr elend. Der Grund dafür konnte der Ekel vor den Cucarachas sein oder auch Heimweh, das ich danach nie wieder bekam. Ich suchte mir schnellstens eine andere Bleibe und fand ein Zimmer bei einer argentinischen Familie mitten im Zentrum an der breiten Prachtstraße Av. 9 de Julio. 

Av. 9 de Julio mit dem Obelisk, rechts das Haus, in dem ich kurz wohnte

Die Familie war zwar sehr nett und herzlich, aber auch sehr besitzergreifend, vor allem die Kinder. Ich hatte Tag und Nacht Familienanschluß, das wurde mir dann doch zuviel. Ein Glücksfall für mich war, dass eine junge Bayer-Angestellte eine Mitbewohnerin für ihr kleines Häuschen im Stadtteil Olivos suchte. Das war für mich wie ein Treffer im Lotto. Wir verstanden uns sehr gut, und Marianne wurde eine richtige Freundin für mich.

Wenige Wochen nach meiner Ankunft erlebte ich, wie ein argentinisches Betriebsfest in Form eines Asado, einer Art riesigen Grillfestes, gefeiert wurde. Es fand auf dem etwa 50 km entfernten betriebseigenen Gelände statt, das der Bayer Argentina gehörte. Die Männer bereiteten alles für das Grillen von halben Rinder- und Schweinehälften, der Würstchen und der Innereien zu.

Die Frauen beschäftigten sich inzwischen mit dem Vorbereiten von verschiedenen Salaten und Nachtischen und dem Decken der Tische.

Die „Grillmeister“, Betriebsangehörige der Bayer Argentina

Die Eröffnungsrede hielt der Chef der Bayer Argentina, Emil von Behring. Erst nach meiner Rückkehr erfuhr ich, dass der Sohn des ersten Nobelpreisträgers für Medizin, ebenfalls Emil von Behring, war. In der damaligen Zeit spielten Herkunft und Titel keine wesentliche Rolle.

Emil von Behring (ich sitze gegenüber mit Sonnenbrille)

Emil von Behring war ein strenger, aber gerechter Chef. Das merkte ich, als die Urlaubsvertretung für seine Sekretärin übernahm. Ich kam sehr gut mit ihm aus.

Von unserer Wohnung in Olivos aus konnten Marianne und ich mit dem Vorortzug bis zur Endstation Retiro fahren, von dort aus war es ein etwa 10minütiger Fußweg bis zum Büro. Meist nahm uns ein älterer Bayer-Angestellter mit seinem VW mit. Wir fuhren dann immer auf der Uferstraße des Rio de la Plata, und ich erinnere mich gerne an die wunderschönen Sonnenaufänge besonders im argentinischen Winter, wenn wir am breiten Rio de la Plata entlangfuhren und die Sonne langsam das Wasser des Flusses golden färbte. Der Fluss ist dort so breit, dass man die andere Flusseite in Uruguay nicht sehen kann.

Sonnenaufgang über dem breiten Rio de la Plata

Vor der Arbeit tranken wir immer im Stehen einen Espresso in einer nahe gelegenenen Bar – das war damals so üblich – und trafen dort noch verschiedenen andere Bayer-Angestellte, mit denen wir uns unterhielten.

Mit der Chefsektretärin Angela freundete ich mich schnell an, wir sind noch heute nach so vielen Jahrzehnten befreundet. Angela lud mich oft in ihr Elternhaus ein, und dort lernte ich auch ihre Familie kennen und wohnte bei ihnen einige Zeit nach meiner Rückkehr aus Mittel- und Südamerika. 

Chefsekretärin Angela und Emil von Behring

Auch mit anderen Angestellten hatte ich viel Kontakt, vor allem mit Nilda, deren Mutter mich wie eine Tochter aufnahm. Insgesamt war die Atmosphäre während der Arbeit in der Abteilung der Bayer Argentina sehr entspannt und angenehm Atmosphäre. Am Wochenende fuhren viele von uns oft gemeinsam mit dem Vorortszug ins Tigre-Delta , wo eine Bayer-Angestellte ein kleines Haus besaß.

Tigre-Delta

In Buenos Aires spielte damals die Kunst eine sehr große Rolle: in dem weltbekannten Teatro Colón mit 2500 Sitz- und 1000 Stehplätzen gab es zahllose Theater-Aufführungen, Opern und Konzerte.

Teatro Colón

Es wurde überall viel getanzt, vor allem Tango. Besonders der Straßentango war legendär.

Tango Argentino

Es gab gab außerdem viel Kleinkunst. Vor allem das damals angesagte Künstlerviertel La Boca mit den vielen Ausstellungen gefiel mir gut.

                                             Künstlerviertel La Boca                                                                

Zusammen mit der Rundreise durch Süd- und Mittelamerika, die ich im Anschluss an das Praktikum machte, gehörte das Jahr zu den schönsten  Zeitabschnitten meines Lebens.

Von meinen Reisen nach Mexiko, Ecuador, Peru und über meine vierwöchige Reise mit dem Bus von Buenos Aires nach Rio de Janeiro im Anschluss an das Praktikum habe ich in den folgenden Beiträgen berichtet:

https://seniorenumdiewelt.wordpress.com/2020/07/02/reise-nach-mexiko-1963/

https://seniorenumdiewelt.wordpress.com/2018/03/09/ecuador/

https://seniorenumdiewelt.wordpress.com/2018/03/14/durch-die-hochtaeler-der-anden-in-peru/

https://seniorenumdiewelt.wordpress.com/2018/03/18/machu-picchu-ein-tag-allein-in-der-stadt-ueber-den-wolken/

https://seniorenumdiewelt.wordpress.com/2020/07/25/von-buenos-aires…-de-janeiro-1963/

(Der Text wurde in ähnlicher Form bereits einmal veröffentlich, er war jedoch plötzlich verschwunden, leider auch die netten Kommentare, und trotz kompetenter Hilfe nicht mehr auffindbar. Deshalb habe ich ihn noch einmal neu geschrieben.)

Unterrichten in einer Zwergschule in den Anden

Einen kleinen Eindruck von der Weite Argentinien bekam ich auf der Fahrt von Buenos Aires zu einem kleinen Dorf in den argentinischen Anden. Ich war zusammen mit meiner Freundin von einem deutschstämmigen Ehepaar eingeladen, die Osterwoche mit ihnen in ihrem Ferienhaus am Fuße der Anden zu verbringen. Es waren mehr als 1000 km, die wir mit dem Auto bewältigen mussten.

„Unterrichten in einer Zwergschule in den Anden“ weiterlesen

Panama – Land der Kontraste

Vor kurzem bekam ich einen Anruf aus Panama. Ich war völlig überrascht, denn ich hatte zwar vor einiger Zeit das Land besucht, aber  ich kannte dort niemanden persönlich. Die Telefonverbindung war schlecht, und so erfuhr ich erst nach einiger Zeit, um wen es sich bei dem Anrufer handelte. Es stellte sich heraus, dass es sich um die Tochter einer deutschen Austauschlehrerin handelte, die ich während meines Aufenthaltes in Quito, Ecuador, kennengelernt hatte. Ihre Mutter und ich hatten uns damals angefreundet, gemeinsam Ecuador bereist und viel voneinander erfahren. Die Lehrerin war damals schwanger, deshalb hatte ich die Tochter nie kennengelernt. Auf meine Frage hin, wie Elena, die Anruferin, auf mich gekommen sei, sagte sie, dass sie das Interview des mexikansichen Schriftstellers Santiago Galicia Rojon Serralonga mit mir gelesen und aufgrund der Erzählungen ihrer Mutter kombiniert hätte.

„Panama – Land der Kontraste“ weiterlesen

Von Buenos Aires nach Rio de Janeiro 1963

Nach meinem langen Aufenthalt in Buenos Aires wollte ich nicht wieder direkt nach Deutschland zurückfahren, ich beschloss, auch noch etwas von Brasilien zu sehen. Deshalb fuhr ich mit dem Bus von Buenos Aires nach Rio de Janeiro, wo ich das Schiff für die Rückkehr nach Deutschland nehmen wollte. Mein erster Halt war in Montevideo, dort besuchte ich zum letzten Mal meine uruguayische Freundin.

„Von Buenos Aires nach Rio de Janeiro 1963“ weiterlesen

Bemerkenswerte Frauen in Asien und Peru

„Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen“ (Guy de Maupassant). Und es sind die Begegnungen mit Frauen, die mich – neben Kindern – am meisten faszinieren. Frauen sind es, die das Leben überhaupt ermöglichen, sie sind es, die häufig für den Unterhalt der Familien aufkommen müssen, die in der Ausbildung oft benachteiligt sind, die in Krisenzeiten zuerst hungern, die manchmal der Familienehre geopfert werden und die in einigen Ländern als Nachkommen unerwünscht sind. Frauen sind in der Regel aber auch diejenigen, die die Erziehung der Kinder übernehmen und deshalb großen Einfluss auf die Zukunft der späteren Generationen haben. Deshalb ist es notwendig, bei Entwicklungszusammenarbeits-Projekten immer auch die Frauen zu berücksichtigen.

Alle Frauen auf den Fotos des Beitrags kommen aus finanziell ungesicherten Verhältnissen, und sie müssen oft noch im Alter hart für ihren eigenen Unterhalt, meist auch für den von Familienangehörigen, sorgen. Ihre Haltung, ihre Stärke und ihre Würde haben mich tief beeindruckt.

„Bemerkenswerte Frauen in Asien und Peru“ weiterlesen